Sophie »Product« / Gestaltung / Review

Zu den acht Stücken auf Product liefert Sophie nun in einer Edition einen Doppeldildo mit. Oder eine Sonnenbrille, eine Daunenjacke, Plateauschuhe – angeblich alle schon vorab ausverkauft. Was soll das bedeuten?

Sophie ist ungreifbar. Bei einem Auftritt im Boiler Room betörte eine farbige Dragqueen mit Dance-Moves, die die bouncenden Basslinien und den zuckrig-rotzigen Mädchengesang der Musik perfekt verkörperten. Aber war das wirklich Sophie? Es schien perfekt zu passen. Der Produzent der Musik stand allerdings als Aufpasser am Bühnenrand, regulierte also den Zugang zur Performerin im Mittelpunkt. Das kann man als Kommentar zur seltsamen Euphorie lesen, die seit längerem DJs zuteil wird und sie zu Wiedergängern der Rockstar-Chauvis der Sechziger- und Siebzigerjahre macht. Dabei könnte Techno so etwas wie die perfekte Kunstform aller Menschenscheuen sein: Die Musik ist alles, der Mensch verschwindet hinter dem Pult.

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Zu den acht Stücken auf Product liefert Sophie nun in einer Edition einen Doppeldildo mit. Oder eine Sonnenbrille, eine Daunenjacke, Plateauschuhe – angeblich alle schon vorab ausverkauft. Was soll das bedeuten? Ist das eine schwärmerisch-naive Feier der gerne kaputtgeredeten Neunziger und 2000er mit ihrem Eurodance und Happy Hardcore? Ist Konsum geil? Schon die Charakteristika, die der Musik aller PC-Music-Akteure bis dato zugeschrieben wurden, drücken Misstrauen aus: so süß, so oberflächlich, so artifiziell. Es ist zu leicht, Sophies gepitchte Stimmen, die permanent etwas verkaufen wollen (Drogen, Limonade, Schuhe), den unsubtilen EP-Namen und die mitgelieferten Gimmicks als Ansage zu lesen: Die Verpackung entscheidet. Form über Substanz. Kulturindustrie in voller Lautstärke.

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Dagegen spricht die Musik, Sophies detailliertes und perfekt abgestimmtes Sounddesign, das an Aphex Twin erinnert. Das Quietschige, die grellen Farben und die Cuteness erscheinen im Gesamtkontext eher wie eine Warnung, sich bloß nicht zu überfressen. Die Ambivalenz und das Abgründige sind hier offensichtlicher als bei anderen Produkten aus dem PC-Music-Umfeld. So süß und harmlos wie Hannah Diamond und so trashig wie GFOTY klingt Product definitiv nicht. Der Verdacht der Satire oder auch nur der Überspitzung ist weit entfernt.

In seinem ersten offiziellen Interview vor ein paar Monaten sagte Sophie, ihm liege gar nichts daran, über das Zitierte zu lachen. Das kann man nach den Stücken auf Product glauben. Die EP kennt keine Mitten oder, um in der Metaphorik zu bleiben, keine gedeckten Farben. Es denkt permanent in Extremen. Perfekt verkörpert das »MSMSMSMS«, einer von vier bisher unveröffentlichten Tracks: Er hat diesen massiven, wohligen Bass und perfide terrorisierende Höhen. Genuss ist bei Sophie nie unschuldig.

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