Sophie Hunger „Molecules“ / Review

Der Name ist auf Sophie Hungers nunmehr sechstem Album Programm: Molecules hangelt sich an den verflossenen Beziehungen der gebürtigen Schweizerin entlang – deren Bande trotz aller Enttäuschung und Verletzung nicht reißen wollen.  

Moleküle sind diese winzigen, für das menschliche Auge unsichtbaren Gebilde, die aus zwei oder mehreren Atomen bestehen. Diese formieren sich stets zu Paaren, kein einziges steht jemals allein. Dabei sind ihre Bindungen fest, aber nicht starr und können sich also schon bei geringster Außeneinwirkung verändern. Zerreißen können sie nicht. Was nach einer Einführung in die Grundlagen der Chemie klingt, ist auch treffende Beschreibung von Sophie Hungers Beziehungsstatus, zumindest wie sie ihn auf Molecules, ihrem aktuellen Album, darstellt.

Hunger glaubt an das Zynische im Menschen.

Darauf rechnet sie mit all jenen ab, die sie enttäuscht haben, die sie aber trotzdem nicht vergessen kann. Da ist zum Beispiel die einstige Freundin, die sich, um Schauspielerin zu werden, bis zur Unkenntlichkeit verstellt. Oder der Ex, der in ihrem Beisein mit seiner Neuen turtelt: „Whispering lyrics of romance / That they can‘t write or understand“, kommentiert Hunger das in „I Opened A Bar“. Nicht einmal die Toten verschont sie mit kessen Spitzen: „Now that you’re gone / The devil too is done / And it’s hard to take that no one wants my soul“. Als hätten diese Hunger absichtlich zurückgelassen, in einer Welt, deren Erwartungen sie nicht entspricht und mit denen sie nicht umzugehen weiß. Womit passt man sich im Jetzt am besten an? „I will start a clever hashtag trend / #ohwemostlygrowbydying.“ Hunger glaubt eben an das Zynische im Menschen.

Diese Geschichten verpackt sie in ironische Texte, die sie mit bittersüßer Stimme vorträgt. Allerdings auf Molecules nicht wie bisher zu jazzigem Indie‑Folk, sondern zu tanzbarem Elektro-Pop mit reichlich Beats und Synthies, zu denen sich nur vereinzelt die gewohnten Gitarren gesellen. Zeigt sich da etwa der Einfluss der Berliner Clubszene? In „Electropolis“ mag ein nicht ganz subtiler (auch weil einzig deutschsprachiger) Hinweis stecken: „In deinen Sünden Trost zu finden, Berlin / Du deutsches Zauberwort“.

Das Albumcover scheint zu illustrieren, was es auf Molecules zu hören gibt: eine Sophie Hunger, die einem ihre Altlasten entgegenwirft, in Form von schwarz-weißen Kügelchen. Wie die titelgebenden Moleküle setzen die sich aus zweierlei zusammen  zwei Farben, die nicht nur für ein Paar, sondern in ihrer bedeutungsgeladenen Farbigkeit auch die Aufs und Abs einer Beziehung fassen.

 

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