Sondre Lerche / Andrew Bird

Sing Wunderkind! Zwitscher‘ norwegische Lerche und hab dich nicht so, die Ansprüche an dich werden nicht kleiner! Es ist eben dieses spezielle bisschen Mehr, das schon die reinen Beschreibungen seiner Qualitäten über das übliche Hochlebenlassen mittelprächtig begabter Songwriter im Retroschmodderland heraushebt. Der beigelegte Promotext meint sogar, es sei selbstverständlich, dass jedermann Lerches Debüt aus dem Jahre 2002 kenne – ich schreibe trotzdem weiter. Was mit einer High Llamas-Miniatur beginnt, plündert in zwölf Stücken ein vorzüglich ausgestattetes Poparchiv. Das Ergebnis liefert im Falle des 21-Jährigen zwei Erkenntnisse: Die Art und Weise, wie in den letzen beiden Jahrzehnten Pop-Vorbilder der 60er kanonisiert wurden, befähigt zu gewinnbringendem Lernen am Objekt. Es bereichert die Formensprache und kann, als Erkenntnis Nummer zwei, sogar leben. Lerches Musik versackt sehr selten im Klassizismus, sie bewegt sich von Detail zu Detail schwerelos, frei von der Last ihrer Ahnen. Es liegt wohl an der Energie seines jugendlichen Leichtsinns, welche auch Lerches Texte sympathisch altklug beschwingt. Er will es eben wissen und sein Zwei-Wege-Monolog heißt: die tollsten Dinge in sich aufnehmen und dann kleine Anweisungen, Ergänzungen und Arrangementeinfälle entgegnen. Da verschwindet der schmissige Folkpop des Titelstücks in einer stillen Improvisation, hier wird Backgroundsummen einfach ins Unendliche geloopt, dort spielt die charmant kratzige, gar etwas heisere Stimme mit Jazzakkorden. Alles eine leichte Übung für einen Vertreter jener seltenen Spezies Singvogel, die ihr Lied im freien Flug vortragen kann.
Wo der eine alles, was in seinem Feld nach der zweiten Cardigans kam, in den Schatten stellt, muss der andere Vogel erst mal der dunklen Wolke schaler Howe Gelb- und Lambchop-Assoziationen entrinnen. Doch da diese Überleitung mehr über den Autor als über die angesprochenen Werke aussagt, ist eine Ausführung angebracht. Der Ex-Squirrel Nut Zippers-Violinist Bird flaniert durch Wüstensand, sammelt szeneerprobte Trophäen des folkloristischen Boho-Pops und sortiert sie nach Jahrzehnten, Einflüssen und in einer dritten Kategorie nochmals streng musikalisch. Eine nähere ornithologische Klassifizierung weist ihn als Goldregenpfeifer aus – schwarzer Schatten, der aus jenem Fenster lugt, vor dem viele nach Rufus Wainwrights Debüt lange und vergeblich gewartet haben. Ja, nach anderthalb Songs hat er sich von den Namen, die seine Arbeit umranken, befreit, er ist besser als die ganze Indie-Stilistiker-Mischpoke! So knödelt er walzergetaktete Melancholie, zupft S-O-S auf den Saiten seiner Geige in einem Meer aus Violinbögen, um bald darauf hingebungsvoll unterzugehen. Wieder aufgetaucht, zitiert er Galway Kinnell zu wagemutiger Kammermusik. Am Ende schämt er sich fast, wird traditioneller und nimmt die Freunde mit auf Alternativecountrytour. Aber der Flurschaden ist längst angerichtet: schmachtende, einsame Herzen, die nun aus ihrer Einsamkeit ein Nest bauen. Nimm mich mit auf deinen dunklen Schwingen, der andere Typ spannt mir im Zweifelsfalle eh nur die Freundin aus!

LABEL: Virgin / Fargo

VERTRIEB: EMI

VÖ: 05.04.2004

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