Sonae „I Started Wearing Black“ / Review

Der white noise schlackert immer unruhiger, die Beats beginnen zu stolpern, Sonaes Traum wird auf ihrem zweiten Album I Started Wearing Black zu einer wütenden Drohung, aus der sie als moderne Kassandra wiedererwacht.

Ein Ambient-Wind fegt durch die Fugen, aus denen Sonaes Welt gesprungen zu sein scheint. Das gedämpfte Echo einer Erinnerung an The Caretaker spinnt sich auf „Dream Sequence“ um Gregor Schwellenbachs schweres Cello-Spiel zu einer zeitlosen Melancholie. Doch etwas stimmt nicht. Der white noise schlackert immer unruhiger, die Beats beginnen zu stolpern, Sonaes Traum wird zu einer wütenden Drohung, aus der sie als moderne Kassandra wiedererwacht.

Das zweite Album der Kölner Produzentin ist ein Nachdenken über die „Unmöglichkeit der Gegenwart“, wie Mark Fisher dieses Phänomen in einem Essay über The Caretaker in seinem Buch Gespenster meines Lebens genannt hat. Bei Fisher steht dieses Empfinden einer verklärten Sehnsucht nach Vergangenheit gegenüber und kulminiert paradoxerweise in einer Absage an die Zukunft. Der Mensch hat sich in der Raumzeit seiner Geschichte hoffnungslos verlaufen. Das scheint auch Sonae, bürgerlich Sonia Güttler, umzutreiben, die aus dieser „Unmöglichkeit der Gegenwart“ mit den Mitteln der Hauntologen die Frage danach stellt, ob der Begriff der „Moderne“ nichts weiter ist als nur ein Gespenst.

Ist die Moderne nur ein Gespenst?

Denn anders als The Caretakers verstörende Geisterbeschwörungen sind Sonaes Tracks, die in dreijähriger akribischer Handarbeit entstanden, explizit für den Club gedacht. Dieser war einmal der zukünftigste aller Orte, scheint mittlerweile aber festgefahren in kreativem Stillstand. Techno ist zu globaler Selbstverständlichkeit geworden, weshalb der 4/4-Takt zum Ja-Sager-Marsch der Spaßdogmatiker abgestumpft ist und die reflektierten, leiseren und politischeren Produktionen an den Rand gedrängt wurden. Von dort versucht Güttler den „System Immanent Value Defect“ (so ein Tracktitel) mit grobkörnigen Beatsalven zu untergraben und modulierten Sinuswellen zu brechen – und schafft dabei einen Albtraum, aus dem man nicht wieder aufwachen will. Im antiken Mythos blieb Kassandras Flehen unerhört. Wir dürfen die Fehler der Geschichte nicht wiederholen.

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