„Ich glaubte immer, dass Trump es schaffen würde“ – Son Lux im Interview / Neues Video

Foto: Lisa Wassmann

Brighter Wounds als Film? „Regie: M. Night Shyamalan, keine Frage.“ Im Interview sprechen Son Lux über ihr fünftes Album, den Musikjournalismus, die verflixte Politik – und Ryan Lotts erste Physalis.

 

Herr Lott, wie schmeckt die Physalis?
Ryan Lott
: Total gut, nur ziemlich sauer. Habe ich noch nie probiert, wie eine Mischung aus einer Tomate und einer wirklich sauren Traube. (zu Ian Chang) Du solltest sie probieren, die sind wirklich fantastisch.
Ian Chang: Das sagst du, aber du siehst aus als hättest du Schmerzen.

Bei der Vorbereitung auf das Interview habe ich gesehen, dass Sie im Laufe der Jahre ganz schön viele Interviews gegeben haben – auch kleineren Blogs und Magazinen. Reflektiert das, wie Sie selbst Musikjournalismus konsumieren?
RL
: Für mich ist es total frustrierend, über Musik zu lesen.

Also vermeiden Sie es?
RL: Ich sehe den Mehrwert davon, aber es hat einfach keinen für mich persönlich. Das klingt vielleicht arrogant, aber ich möchte Musik, die zu mir kommt, unvoreingenommen begegnen. Ich liebe das, wenn ich überhaupt nicht weiß, was als nächstes passiert. Klar hat mir Musikjournalismus früher sehr dabei geholfen, neue Musik zu finden. Aber gerade wenn dann auch über einen selbst geschrieben wird, kann das manchmal sehr frustrierend sein. Spekulationen darüber, was ein Song bedeutet oder wie er gemacht wurde, werden als Fakt verkauft. Die Menschen kommen dann durch falsche Ideen und Halbwahrheiten zur Musik, das kann ich nicht leiden.

Was hat man ihnen denn angetan?
RL: Ich bin jetzt nicht fürs Leben gezeichnet oder so.
IC: Irgendwo stand einmal, Rafiq sei unser Bassist (Gelächter). Was ich aber tatsächlich noch lese sind Interviews. Vor allem lange Interviews mit Künstlern die man mag können einem echt viel geben.
Rafiq Bhatia: Ich würde sagen, Interviews waren über die Jahre ein ziemlich wichtiger Teil meiner musikalischen Ausbildung. Man findet heraus, welche Musiker die Künstler, die man mag, beeinflusst haben. Dann liest man deren Interviews und findet ständig tolle neue Musik. Ohne Interviews hätte ich vieles niemals gefunden.
RL: Ist es euch schon Mal passiert, dass ihr Musiker wegen Interviews nicht mehr leiden konnten?
RB: Ständig! Und es gibt so viele Interviews, in denen Künstler, von denen man weiss, wie hart sie an ihrer Musik arbeiten und wie viel sie darüber nachdenken, sich total simpel und sorgenfrei geben. Man muss dann suchen, um das eine zu finden, in dem sie sich wirklich öffnen.

„es geht hier nicht um einen Zweikampf simpler und komplexer Denkmuster, sondern um etwas viel gefährlicheres.“

Sie werden oft mit Filmen in Verbindung gebracht, auch weil Sie alle schon an Soundtracks gearbeitet haben. Deshalb eine Klischeefrage: Welcher Film wäre Brighter Wounds?
RL
: Der wäre amazing, egal was er wäre.
IC: Regie: M. Night Shyamalan (Gelächter)

Wahrscheinlich wäre eine Szene vom Album dabei: die Geburt ihres Sohnes, Herr Lochte. Wie haben Sie Ihren Bandkollegen die Atmosphäre aus dem Kreissaal vermittelt? Ich nehme an, sie waren nicht dabei?
RL: Sie waren im Raum, sowohl bei der Geburt als auch der Zeugung. (Gelächter) Aber ja, das sind jetzt die berühmten elephants in the room, die Themen, über die ich ungern reden möchte. Auf Brighter Wounds steht die Geburt meines Sohnes im Zentrum und die Erfahrung, einen Freund langsam an Krebs zu verlieren.
IC: Und die bröselnde Nation.
RL: Genau, die Gegenwart und Zukunft Amerikas. Der Film wäre wahrscheinlich im abstrakten Sinne so eine Art Mad Max-artige Dystopie.
RB: Aber es könnte auch etwas komplett anderes sein.

Ist Brighter Wounds Ihre politischste Platte bisher?
IC: Nein, wir haben schon deutlich explizitere Sachen gemacht.
RL: Im Song „White Lies“ (vom 2015 erschienenen Album Bones / d. Red.) etwa haben wir Trump vorhergesehen. Ich glaubte übrigens immer, dass er es schaffen würde, Präsident zu werden. Ich habe genug von diesem Land gesehen, im Süden oder im Mittleren Westen. Dort trifft man gebildete, intelligente, liebevolle Menschen …
IC: Menschen, von denen man etwas lernen kann …
RL: Menschen, die tolle Eltern für ihre Kinder sind, die einfühlsame Freunde sind. Wenn solche Menschen auf diese Scheiße hereinfallen, merkt man, dass es hier nicht einfach um einen Zweikampf simpler und komplexer Denkmuster geht, sondern um etwas viel gefährlicheres.

 

Eine der einprägsamsten Zeilen des Albums ist „History deletes itself / We’re holding on to somehing else“. Denken Sie, wir lernen als Gesellschaft nicht aus unseren Fehlern?
RB: Ja, das steht außer Frage! Die Situation in den USA ist ein klares Beispiel dafür. Es passieren Dinge, die sich nicht leugnen lassen, aber bevor wir sie reflektieren können, wurde ihre Bedeutung schon wieder durch bestimmte Ansichten und Agendas gefiltert. Die Geschichte von Sklaverei zum Beispiel. Sklaverei, Jim Crow, Segregation waren viel länger Teil dieses Landes, als wir ohne sie leben.
RL: Sklaverei ist gerade Mal halb so viele Generationen her, wie sie angedauert hat. Das ist verrückt.
RB: Und trotzdem findet man in den USA ziemich leicht Menschen, denen das Thema egal ist.
RL: Viele Mitglieder meiner Familie zum Beispiel reden die möglichen Konsequenzen von generationenlanger Sklaverei klein – einfach weil sie es können. Geschichtsvergessenheit steht uns gut.
RB: Es ist halt einfacher, weil wir Menschen eine beschränkte Kapazität für solche Erinnerungen haben. Wir erinnern uns daran, zu essen und uns fortzupflanzen. Selbst total beeindruckende oder traumatisierende Erlebnisse können wir nur selten präzise wiedergeben. Es ist also nicht schwer, unsere Erinnerung an etwas zu verzerren. Und die Mächtigen, die nicht immer edle Absichten haben, tun es – und sie tun es häufig.

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