Son Lux Bones

Kurzum: Die Zeichen stehen auf change.

Alles ist in hellem Aufruhr. Knochen rasseln und brechen, Blut rauscht – ein Fest der Symbolismen. Bones, das vierte Album des zum Trio angewachsenen Avantgarde-Pop-Outfits Son Lux, ist ein anachronistisches Kompositum im schönsten Sinne. Ryan Lott, Experimentalpianist und Byron’scher Schwerenöter, bildet weiterhin das Kreativzentrum und sorgt trotz Band-externer Umtriebigkeit als Erleuchteter für elegischen Nachschub: »This moment, change is everything / The course of blood within your veins / A stranger’s form, your skeleton / See the bones glow as they break free.« Die Anfangszeilen des Album-Openers »Change Is Everything« künden von einer makabren Mesalliance von Topos und Pathos. Das Umleiten des Blutkreislaufs steht allegorisch nicht nur für einen Neuanfang als Kollektiv, sondern auch für eine neue Kunstvision: Die Suche nach alternativen Welten ist der Euphorie der Erlösung gewichen. »We are the dead and dying / Shouting overturn / We are the ones this time!«, skandiert eine kristalline Frauenstimme in »This Time«.

Arthur Rimbaud (1854–1891), das Enfant terrible der französischen Symbolisten, sehnte sich in seinen düster-dekadenten Werken nach Bruch und Neuanfang. In seinem pointierten Vierzeiler »Abschied« hatte er die Nase voll: »Genug gesehn. Das Schaun ist allem Anschein längst begegnet. / Genug gehabt. Den Lärm der Städte, abends, und in der Sonne, und allezeit. / Genug gehört. Das Leben stockt. – O Geräusche und Visionen! / Aufbruch voll Gefühl und Geschrei – neu!« Neu ist Ryan Lotts Nähe zum lyrischen Symbolismus nicht. Bereits auf dem Albumvorgänger Lanterns formte sich eine Wesensgleichheit zum Rilke’schen Liebeslied: Das ätherische Schlüsselstück »Lanterns Lit« erzählte vom Gesang des unglücklich Liebenden, der zur wegweisenden Laterne wird. Das Feuer der Stimme weist der Anderen, Irrenden, den Weg durch die Wellen und Wogen des Daseins. Die flackernde Laterne als düster inszenierte Allegorie war, stellvertretend für den Gesamtduktus des Albums, ein in der Liebe verortetes Symbol. Mit Bones erkundet Lott nun ein viel weiteres Feld der schöngeistigen Bildsprache: Ist es nicht der Wunsch eines jeden Symbolisten, das Wesen der Dinge im Inneren zu erfassen, es zu imaginieren statt zu reproduzieren? Nur so wird das Sentiment unendlich: Indem man die Gefühlserfahrung aus dem Alltäglichen löst und in Schwingung versetzt, wird sie zeitlos.

Der Befreiungsschlag von jeglichen Naturalismen bestimmt auch die musikalische Komposition: Astrale Chöre mit kraftvoll akzentuierten Schlüsselphrasen (»You are the only one«), dekadente Instrumentierung in Hörspielmanier, Trommelwirbel, kreischende E-Gitarren und sirrende Violinen finden in maximaler Ausreizung zusammen. Die ausladenden Popmodulationen mit Fin-de-Siècle-Feeling kulminieren im albtraumhaften »White Lies«: »They take all of our young / They cut out our tongue / Oh how we are deceived / We’re strong and we’re free.«

Charles Baudelaire (1821–1867), einer der Wegbereiter der Moderne, nagte am selben alten Fluch, dem ewigen Paradox aus Freiheit und Verstrickung, Licht und Dunkel. In »Unheilbar« aus seinem Zyklus Die Blumen des Bösen heißt es: »Wer tilgt den alten Fluch der Schuld, der an uns zehrt, / Der sich windet und nimmer will sterben, / Von unsrem Blut sich wie der Wurm von Leichen nährt, / Gleichwie Raupen, die Bäume verderben? / Wer tilgt den alten Fluch der Schuld, der an uns zehrt?« Baudelaire und mehr noch Rimbaud schrieben gegen Normen an, zerschlugen literarische Traditionen, erschufen Neues aus Altem und stellten sich, ähnlich wie Lott in »I Am The Others«, die Frage: »Are we fixed or are we free?« Das Schwanken zwischen Weltschmerz und Euphorie ist nicht nur wesentlicher Gemütszustand, quasi das Erkennungsmerkmal des Symbolisten, es ist auch die Antwort. Letztlich geht es auch bei Son Lux vor allem um change. Bringt das die ersehnte Freiheit nicht automatisch mit sich? Um es in Rimbauds Worten zu sagen: »Fordern wir von den Dichtern Neues – Ideen und Formen!«

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