Solo: Eine unmögliche Geschichte / Review

In Cannes wurde das Spin-Off Solo: A Star Wars Story samt Hauptdarsteller Alden Ehrenreich verrissen. Dabei lässt sich an dem Film viel lernen über die Geschichtlichkeit des Kinos und die Unmöglichkeit einer geläuterten Nostalgie.

Den ersten Lacher erntet Chewbacca. Noch bevor der Film losgeht. In der Werbung eines Möbelhauses quietscht ein Stuhl im Wookiee-Sprech des Weltraum-Yetis. Das Kino kreischt vor Vorfreude, die Stimmung ist Bombe. Dann beginnt Solo: A Star Wars Story, und obwohl der ja bekanntlich der flotteste Sprücheklopfer des gesamten Star-Wars-Universums ist, dauert es eine geschlagene halbe Stunde, bis der Film ein erstes, müdes Kichern aus dem Publikum kitzelt. Und hier hat er keine französischen Kritiker-Snobs wie bei der Premiere in Cannes vor sich. Nein hier sitzen echte, hartgesottene Fans mit der Nostalgie-3D-Brille und schrubben sich ernüchtert die verkleckerte Käsesoße von ihren Solo-Fanshirts. Man könnte jetzt darüber schreiben, wie seelenlos dieses ganze Disney-Star-Wars-Franchising-Ding ist oder eine hübsche Analogie zwischen diesem Film und dem Schalenstuhl des Möbelhändlers konstruieren. Aber bei Solo: A Star Wars Story ist es mehr als das. Es gibt Geschichten, die nicht erzählt werden müssen. Und es gibt Geschichten, die nicht erzählt werden können. Solo ist beides.

Am Ende des fünften Teils der Star Wars-Saga, also dem zweiten Film aus dem Jahr 1980, wurde der Harrison-Ford-Han-Solo von Darth Vader in Karbonit eingefroren. Retrospektiv wirkt das, als wollte man damals diesen Weltraum-Macho sicherheitshalber konservieren, damit er auch drei Jahre später, im letzten Teil der ersten Saga, noch halbwegs frisch rüberkommt. Denn aus heutiger Sicht stammt der Typ Han Solo irgendwie aus einer entlegenen Galaxis vor langer, langer Zeit. Star-Wars-Schöpfer George Lucas war ein großer Fan von C.G. Jungs Konzept der Archetypen. Luke, der Auserwählte, Vader, der gefallene Engel, Obi Wan, der Meister. An seiner Figur des Outlaws Han Solo jedoch lässt sich außerdem jede Menge Zeitgeist ablesen. Er ist eine Schwellenfigur zwischen den Siebziger- und Achtzigerjahren. Halb Western-Haudegen, also misstrauisch, grob, selbstsüchtig, aber mit dem Herz am rechten Fleck, und halb dessen postmoderne Ironisierung. Dieser Solo ist charmant, hat ein Schelmen-Grinsen so breit wie die Leinwand, haut auch mal jemandem auf die Fresse, wenn es pressiert, und kriegt am Ende natürlich die Frau. Dieser Solo ist dabei aber auch der Inbegriff der impliziten und expliziten Übergriffigkeit dieser Zeit. Einer, der sich die Frauen packt und mit groben Küssen „zähmt“ – und damit genau dieser Typus, den Hollywood seit knapp einem Jahr loszuwerden versucht. Wie also soll bitte ein Prequel, das ja irgendwie die psychologische Entwicklung der Figur darzustellen hat, aussehen, ohne dass ein Shitstorm der Empörung losbricht?
Solo: A Star Wars Story versucht dieses Problem zu umschiffen. Gleich in der ersten Szene sehen wir einen etwa zwanzigjährigen Han durch dunkle Gassen hetzen. Es ist eine elende Gegend. Er hat eine Phiole Hyper-Fuel stibitzt und deshalb eine Patrouillen mit keifenden Corellia-Bullterriern auf den Fersen. Han entkommt ihnen, springt spektakulär um die Ecke und direkt in einen langen Zungenkuss. Qi’ra heißt die Geküsste, ist seine feste Freundin und zusammen wollen sie weg aus diesem Drecksloch von einem Planeten. Dramaturgisch schlägt der Film hier zwei Fliegen mit einer Klappe. Erstens muss Han nicht beim Anbaggern gezeigt werden, und zweitens hat man, indem man das glückliche Paar gleich im ersten Akt trennt – Qi’ra gelingt die Flucht von Corellia nicht – eine super backstory wound für den restlichen Film geschaffen.

Einerseits will der Film Hommage sein an diesen liebevollen Macho-Cowboy, andererseits sich nicht den Vorwurf des Chauvinismus einhandeln.

Das Thema Han und die Frauen ist damit vorerst abgespeist und der Film kann losgehen. Han verpflichtet sich beim Imperium als Pilot, wird wegen seines losen Mundwerks aber strafversetzt zur Infanterie. Bei einer Schlacht trifft er dort auf die Bande des von Woody Harrelson gespielten Tobias Beckett, befreit mehr oder minder notgedrungen Chewbacca – erster Lacher – und beide schließen sich Becketts Crew an. Han erweist sich in diesem Reigen an Action-Sequenzen als tollpatschiger Glückspilz mit echtem Outlaw-Instinkt. Zeit für eine wirkliche Entwicklung seiner Personalität bleibt in diesem Laser-Gewitter verständlicherweise nicht.

Das könnte sich gleich ändern. Becketts Crew will von einem rasenden Doppel-Transrapid eine gewaltige Ladung Hyper-Fuel stehlen. Am Lagerfeuer wird der Plan durchgesprochen und danach ein bisschen über das Leben sinniert. Val, die einzige Frau in der Truppe, traut dem jungen Han nicht. Welche Lehren wird Han also aus dieser Konfrontation mit einer starken Frau ziehen? Die Antwort: gar keine. Denn sie sprengt sich nur zehn laserschwangere Minuten später samt einer Brücke, die aus unerfindlichen Gründen gesprengt werden muss, aus unerfindlichen Gründen in die Luft. Es gibt die wahrscheinlich schnellste Verlustkompensation der Kino-Geschichte – Beckett kniet für drei Sekunden vor einem improvisierten Grab – und weiter geht die Bromance im Weltall; schließlich gilt es, ja was wohl, noch eine Mega-Fuhre Hyper-Fuel zu stibitzen.

Rares Zwiegespräch: Qi’Ra (Emilia Clarke) und Han Solo (Alden Ehrenreich)

Im Team nun wieder dabei: Qi’ra, die sich eigenhändig befreit hat und jetzt als Edel-Escort für Becketts Gangster-Oberboss arbeitet. Aber auch hier wird Han systematisch von einer, sagen wir, dialogischen Konfrontation mit seiner Ex-Freundin abgehalten. Fast schon symptomatisch platzt bei der einzigen Liebes- / Rebound-Szene ein entgeisterter Beckett in die Kabine und verhindert alles Weitere. Leute, konzentriert euch auf das Hyper-Fuel! Und so langsam dämmert einem das hypokrite Spiel, das in Solo: A Star Wars Story getrieben wird. Einerseits will der Film Hommage sein an diesen liebevollen Macho-Cowboy, andererseits sich nicht den Vorwurf des Chauvinismus einhandeln. Deshalb zeigt der Film drei unabhängige weibliche Figuren – Qi’ra, die sich selbst rettet, Val mit den Zündköpfen und eine Droidin, die eine Revolution anzettelt – und schafft es trotzdem, dass Han nicht ein einziges Mal dazu kommt, sich mit einer dieser Frauen länger als fünf Sekunden zu unterhalten.

Der alte Han Solo ist eine Figur, die man für seine Chauvinismus kritisieren kann, aber nicht verwerfen muss. Denn sie ist ein Produkt ihrer Zeit. Es ist allerdings unglaubwürdig und in einem erschaudernden Maße geschichtsvergessen, diese Figur und mehr noch ihre Vorgeschichte mit aktualisierten Geschlechterrollenbildern zu erzählen. Entweder verrät man den alten Han, oder man verrät unsere Zeit. Darum ist es nicht ganz fair, wenn Solo-Darsteller Alden Ehrenreich überall für seine eingefrorene Mimik kritisiert wird. Denn wie anders soll man so eine Unmöglichkeit auch darstellen? In einer Szene erklärt Qi’ra, dass sie, wann immer sie nach ihrer Trennung an Han und seine Abenteuer denken musste, sich vor allem nach seinem Lächeln sehnte. Ihr gegenüber steht ein überforderter Ehrenreich. Sein Lächeln so unbelebt, als wäre es in eiskaltem Karbonit fixiert. Für irgendwann, in einer fernen Galaxie.

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