Sóley Ask The Deep

Sóleys Vision des Afterlife: Ask The Deep macht im besten Sinne down.

Die Leute denken, wer unter der Erde ist, ist tot. Die Leute haben am 8. November 2013 keine Nachrichten geschaut. Sóley Stefánsdóttir schon. Und sie hat ein Lied darüber geschrieben, wie ein Mann in São Paulo lebendig begraben und von einer Friedhofsbesucherin vor dem tatsächlichen Tod gerettet wurde. »You must face your fairytale«, rät die Isländerin, die seit 2010 den Gebrüdern Grimm die Show stiehlt, in »Ævintýr«, dem zweiten Song auf Ask The Deep. In den folgenden 29 Minuten geht es abwärts.

Der Spalt, den Sóley auf ihrem Solodebüt We Sink anno 2011 öffnete, hat sich zum Krater geweitet. »It’s never sunny anyway«, fispert die Leichenblasse mit Björk-Gedächtnisstimme, während sich das letzte Farbpigment aus ihrem Gesicht verabschiedet. Nein, dieses Album macht keinen Spaß. Und doch ist es eine der hoffnungsvollsten Platten des Frühjahrs. Sie braucht nur einige Umdrehungen. Und noch ein paar. Bis man sich nicht mehr fragt, an welcher der neun Pforten die vormalige Grinsebacke der Folk-Patrouille Seabear ihr Lächeln abgegeben hat. Es gab sie doch, diese Zeit im Leben der studierten Komponistin, in der tagsüber die Sonne brannte und nachts das Lagerfeuer – und nicht der Wald, das Haus, die Seele. Aber dann setzte Sóley die Ziegenhörner auf, holte sich Tuscheschatten-Schminktipps von Anja Plaschg und gab die Rolle des süßen Zombie in ihrer eigenen Version von Sleepy Hollow. Vorher erdverbunden, jetzt unterirdisch – im besten Sinne down.

Sóleys Vision des Afterlife klingt nach CocoRosie in der Traumhausphase, nur ohne Märchentanteumhang. Auf Ask The Deep bringt sie in Form, womit Soap&Skin 2009 kachektisch um die Ecke buckelte. Was auf deren Album Lovetune For Vacuum in alle Richtungen zu zerstäuben drohte, wird hier als Slasher-Kompaktversion vorgetragen. Der Endgegner namens Bindung oder Angst oder Bindungsangst wird ohne Anschleichen kaltgestellt: »Maybe it’s best if I kill you right now.« Und obwohl Worte wie Bastard, Tod und Desaster die Diktion der Platte bestimmen, gehört ihre Verfasserin keineswegs zu den blassen Deprimuckerinnen, die regungslos Löcher in die Wand stieren. Sóleys Musik ist resolut wie eine Geisterlok, die durchs Schlafzimmer schnauft (»Dreamers«), und beunruhigt mehr als jede akkurat geschnitzte Kürbisfratze (»Halloween«).

Zehn von einem Piano aus dem 18. Jahrhundert getragene Arrangements lang hört man einer Frau zu, die sich selbst nicht geheuer ist. Die mit dem Pferdefuß stampft, das Schiff sirenenhaft in die Irre leitet und ihr Toxikum in Harmloskostümierung verabreicht: als jazzende Lobbypianistin oder tribalesk trommelnde Friedenspfeifen-Squaw, inklusive Gesichtsbemalung. Dabei hat Sóley ihre Paraderolle längst gefunden: Sie ist die Albträumerin, die vor der Konkurrenz warnt. »Stay away from the dreamers / They take your heartbeat / And slow it down.« Sóleys musikalische Vitalfunktionen sind besser als die mancher Quicklebendigen. Diese Scheintote atmet.

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