Sohn in Hamburg

Sohn in Hamburg   FOTO: Daniel Feistenhauer
FOTO: Daniel Feistenhauer

Schüchterner Mann im Neon-Käfig: Ein höflicher Sohn stellte sein Debütalbum dieser Tage live auf Tour vor.

Der in Wien lebende gebürtige Londoner Christopher Taylor aka Sohn ist schüchtern, leise, zurückhaltend und dankbar. Eigenschaften, die im Musikgeschäft nicht zwangsläufig den Erfolg garantieren, dafür aber umso mehr Sympathie hervorrufen.

Taylor ist an erster Stelle Produzent. Dieser Umstand und seine Diskretion sind dem Konzert im Hamburger Übel & Gefährlich deutlich anzumerken. Er sitzt an einem Tisch voller Klangerzeuger und Effektgeräte, drückt die Knöpfe mit dem gleichen Autismus, den man von einem Produzenten elektronischer Musik im Kabel-Urwald seines Studios erwartet. Seine Blicke heben sich nur, wenn er sich mit leiser Stimme beim Publikum bedankt. In diesem Sinne absolut ehrlich und authentisch.

Weich und wehmütig ist das Konzert, voller romantischer Emotion. Wenn man so will: Musik zum Verlieben. Ein modischer Soul aus den musikalischen Trickkisten Londons, der offenbar ankommt. Die kompositorische oder gesangliche Komplexität des Minimal-Soul-Pioniers James Blake scheint nicht Sohns Anspruch zu sein. Seine Musik ist für alle. Einfach und verständlich. Ohne Reibung rutschen einem seine Melodien in die Ohren und zwingen die Konzertbesucher in keiner Weise zu verschnörkelten Interpretationen.

Taylor ist weder Entertainer, noch Performer. Die Musik muss trotzdem raus in die Welt. Der Wille überwindet die persönlichen Schutzmechanismen. Und so verschmelzen der Käfig aus Neonröhren als Lichtshow-Element, die große schwarze Kapuze über der schwarzen, tief in die Stirn gezogenen Mütze und der Rest seiner schwarzen Klamotten zu einem liebenswürdigen Bild eines Menschen, der niemandem Böses will. Er scheint sowieso über seinen Erfolg so überrascht wie ein Eremit über den Besuch einer Touristengruppe. Nach jedem Lied bedankt er sich höflich und beginnt dann, seinen beiden Mitstreitern an Synthezisern und Tasteninstrumenten zunickend, konzentriert das Nächste. Während dessen pellt er sich aus seinem Kostüm.

Es gibt zwar keine Überraschungen, tatsächlich sind alle Klamotten schwarz und die Mütze behält er auch auf dem Kopf, aber er kommt im T-Shirt nach vorn an den Bühnenrand und beklatscht sein Publikum. Die Mädchen gucken verliebt, den Jungs entfährt hier und da ein mit dem Kopf zur Seite geneigtes »Oooh…«. Thanks for thanking us, but thank YOU. You are simply gorgeous Mr. Taylor.

Ein großes Porträt von Sohn und seinem Kollaborationspartner Kwabs gibt es aktuell in SPEX N°352 – am Kiosk und im SPEX-Shop.

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