The Soft Pink Truth Why Do The Heathen Rage?

Im Kleiderschrank Drew Daniels findet sich ein Burzum-Shirt, das er ab und an herausholt. Zur Erinnerung: Drew Daniel macht, gemeinsam mit seinem Lebensgefährten Martin Schmidt, als Matmos experimentelle Clubmusik; und Burzum, das war und ist das Projekt des Mörders, Kirchenabfacklers und Antisemiten Varg Vikernes. Dass der Schwule den Fascho nicht nur finanziell, sondern auch als wandelnde Werbefläche unterstützt, wäre mehr als bizarr. Doch der Fall liegt etwas anders: Das Shirt, das Daniel als inoffizielles Bootleg gekauft hat, ist mit dem Schriftzug »Fuck Varg’s politics« bestickt. In knalligem Pink natürlich.

Pink sind auch die vier Worte, die in kaum entzifferbarer Black-Metal-Typografie vom Cover von Why Do The Heathen Rage? zu triefen scheinen: The Soft Pink Truth. Ein Jahrzehnt lang hat Daniel sein abenteuerliches House-Projekt wegen Matmos und einer akademischen Karriere vernachlässigt, nun kehrt er mit einem krassen visuellen Statement zurück. Zu sehen ist ein gigantischer Cumshot, abgefeuert auf eine an Hieronymus Bosch erinnernde Gang-Bang-Szenerie: Mit corpse paint geschminkte, in Leder und Nieten gewandete, untenrum gut ausgestattete Black-Metal-Heads kopulieren zwischen Leichenteilen – eine schwarz- schwule Messe, bei der mehr als nur menschenverachtende Ansichten gefickt werden.

Allein schon über die visuelle queerification ihrer Helden wird die humorresistente Black-Metal-Community alles andere als erfreut sein. Brenzliger noch dürfte die Musik wirken: Die Vorvä- ter Venom, die legendären brasilianischen Under- dogs Sarcófago, Darkthrone, Mayhem und andere Genregrößen werden mit Unterstützung von Antony Hegarty, Jenn Wasner von Wye Oak, Locrian-Mitglied Terence Hannum und Daniels Lebensgefährte Schmidt gecovert. Nicht puristisch, sondern parodistisch: als House-, Gabber-, Electro- oder Hip-Hop-Versionen, Snap!-Samples inklusive. So sakriköstlich das auch klingt, unter der Brachialsatire finden sich ebenfalls viel Hingabe und eine klare Message an ein Genre, in dem es mit Toleranz und (Selbst-)Reflexion nicht weit her ist. Esoterischer Anti-Klerikalismus, verquerer Nationalismus und Antisemitismus mögen es berühmt gemacht haben, Homophobie ist bei Aktiven und Anhängern jedoch nicht minder weit verbreitet.

Why Do The Heathen Rage? problematisiert und politisiert so sein Ausgangsmaterial durch Polarisierung.

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