Soft Grid »Corolla« / Review

Soft Grid wechseln auf ihrem Debütalbum so leichtfüßig zwischen leise und laut, springen so rasch von Stil zu Stil, dass es den Eindruck erweckt, man lausche einer spontanen Improvisation.

Was haben Kanye West, die beiden Protagonisten von Tschick und Soft Grid gemeinsam? Man sollte ihnen niemals ein Auto anvertrauen, wenn man es unversehrt zurück haben möchte: »I slightly scratched your Corolla / Okay, I smashed your Corolla«. Dieser Punchline-Kalauer von Kanye Wests »Hold My Liquor« hat das Berliner Trio Soft Grid offensichtlich so beeindruckt, dass es sein Debütalbum und zwei Songs nach dem japanischen PKW-Modell benannt hat. Als Rezensent ist man für diese konsequente Benennung dankbar, weil man so gleich die Bilder von Autofahrten auf endlosen Landstraßen und durch sich schlängelnde Gassen loswerden kann, die sich bei der Musik von Corolla unweigerlich aufdrängen. Denn das Album ist zwar offiziell in fünf Stücke unterteilt, fühlt sich jedoch eher wie ein zusammenhängender, vor sich hin mäandernder Strom an, bei dem sich aus jeder musikalischen Idee bereits die nächste herausschält.

die scheinbare Leichtigkeit ist sorgfältig erarbeitet, jeder abrupte Bruch penibel geplant.

Am Steuer sitzen dabei Multiinstrumentalistin Theresa Stroetges alias Golden Diskó Ship, Jana Sotzko, die Sängerin der Band The Dropout Patrol, sowie der britische Produzent und Schlagzeuger Sam Slater. Eine Wegbeschreibung haben sich Soft Grid für Corolla absichtlich nicht ausgedruckt, den Straßenatlas aus dem Seitenfenster geworfen und einfach jede Ausfahrt genommen, die irgendwie lohnenswert aussah. Deshalb beginnt »Hospital Floor« als vielstimmiger Choral und endet im Noiserock-Gewitter, in »Minus Planet« bricht aus elektronischem Geklicker nach fünf Minuten plötzlich eine folkloristische Bratschenmelodie hervor und der Hauntology-Folk von »Two Barrels Of Oil« beschwört Geister herauf.

Dabei wechselt das Trio so leichtfüßig zwischen leise und laut, springt so rasch von Stil zu Stil, dass es den Eindruck erweckt, man lausche einer spontanen Improvisation. Doch die scheinbare Leichtigkeit ist sorgfältig erarbeitet, jeder abrupte Bruch penibel geplant. Davon kann man sich überzeugen, wenn man die Songs »Hospital Floor« oder »Minus Planet« mit den frühen Versionen vergleicht, die Theresa Stroetges und Jana Sotzko 2014 noch als Duo in einer ehemaligen Kinderklinik in Potsdam aufnahmen und die im letzten Jahr auf der Kassette Stingrays beim Label Twaague erschienen. Zwei Jahre später ist »Minus Planet«, das nun mit fast 13 Minuten als Herzstück im Zentrum von Corolla steht, nicht nur doppelt so lang, sondern schafft einen viel dynamischeren Wechsel zwischen nervöser Anspannung und befreiender Entladung.

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