So Pitted »Neo« / Review

Unerbittlich.

Etwas Nahrhaftes essen, Baldrian bereitlegen, den Hausarzt informieren, Krisendienst auf die Kurzwahltaste. Wer das Debüt von So Pitted zum ersten Mal hört, sollte vorbereitet sein. Man ahnt nichts Böses, und schon sitzt man in der Tinte. Auf Neo scheint es soweit: Die Maschinen haben sich gegen uns verschworen. Nicht die guten, nein, die von der Sorte Zahnarztbohrer, wenn die Betäubung noch nicht wirkt.

Musik kann ganz prima maschinell klingen, das ist lange bekannt. Bei Kraftwerk beispielsweise. Irgendwie als Warnung gedacht, waren ihre Maschinen am Ende doch eher schrullig. Es wurde computert, robotert und getaschenrechnert. Lauter Freunde und Helfer des Menschen traten auf, die beschwerdefrei ihren Dienst taten. Zwischendurch fuhr man Auto, gediegen bei Tempo 100 auf der rechten Spur der Autobahn. Die Gänge der Düsseldorfer griffen sanft, der Motor schnurrte. Wertarbeit eben, gebaut für ein Leben. So Pitted kratzen auf Neo hingegen rund 35 Minuten lang mit Lichthupe und Tachonadel am Anschlag an der Mittelleitplanke. Und klingen dabei, als hätte jemand etwas Sperriges ins Getriebe fallen lassen. Es knirscht, es schleift, es sägt zum Himmel. Wüsste man nicht, dass die drei erst Anfang 20 sind, man würde statt einer Rezension lieber ein Rezept für Betablocker schreiben.

Man ahnt nichts Böses, und schon sitzt man in der Tinte.

Doch eines passt nicht ins Bild: Nathan Rodriguez, Jeannine Koewler und Liam Downey scheinen Sinn für Humor zu haben. Das Trio hat seinen Bandnamen von einem dieser »Hey, schon gesehen?«-Video-Evergreens auf YouTube geborgt, bei dem ein Surfer gestenreich von der Welle seines Lebens erzählt: »And then you get pitted. So pitted, dude.« Mit dem Enthusiasmus des guten Mannes hat die Musik aber nur peripher zu tun. Im Surferjargon beschreibt to be pitted den Ritt in einer geschlossenen Wellenröhre, der barrel. In die sprichwörtliche Röhre ist offenbar auch die Band geraten. Beim Surfen klingt das nach Spaß. Bei So Pitted nicht. Diese Musik hat mehr mit Sehnenscheidenentzündung und Ermüdungsbrüchen zu tun als mit einer entspannten Runde am Strand. So Pitted spielen unerbittlichen Post-, Math- und Weiß-der-Geier-Core, sie betreiben an Gitarre, Bass und Schlagzeug Geräteturnen für Fortgeschrittene.

Aus diesem Grund wurden So Pitted bereits mit The Mars Volta verglichen, was aber ins Leere führt. Die Band aus Seattle wird zwar auch »Hey, die können was!«-Nerds aus der Reserve locken können, reduziert sich aber im Gegensatz zu den texanischen Hochleistungssportlern nicht darauf, blanke Fingerfertigkeit als künstlerischen Ausdruck zu verkaufen. So Pitted setzen auf leichenblasse Brutalität. Auf »Feed Me« beispielsweise, dem besten Titel auf Neo. Was das Trio dort mit seinen Instrumenten veranstaltet, klingt in etwa so, als hätten Disneys Transformers schlechte Laune und zu wenig Öl in der Hydraulik. Und »Rot In Hell« ist vertonter Bluthochdruck mit wunderbar eindeutiger Botschaft.

»Wenn man in der barrel ist, hat man zwei Möglichkeiten«, sagte Rodriguez einmal in Bezug auf den Bandnamen. »Entweder stehenbleiben und das größte Hochgefühl erleben. Oder hinfallen und zermalmt werden.« Ungefähr so verhält es sich auch mit Neo und seiner Maschinenrevolte.

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