Slowdive „Slowdive“ / Review

Bei Slowdive anno 2017 erzeugt ausgerechnet die klangliche Überfülle eine unerwartete Ruhe.

Als sie den Hall ganz aufdrehten, plauderten Slowdive einmal aus, hätten sie sich zum ersten Mal nicht wie eine Kopie von My Bloody Valentine gefühlt. Wie Lush, Ride, Curve oder Cathrine Wheel gehören Slowdive zu den britischen Shoegaze-Bands der frühen Neunziger. Dieser außergewöhnliche Sound stand irgendwo zwischen dem Dark Wave von Siouxsie And The Banshees, dem Postpunk von Joy Division und dem Indiepop der Smiths auf der einen Seite und elektronischer Musik und Neunziger-Crossover auf der anderen. Mit Batterien von Effekten lösten sie ihre Gitarren in Noise und Hall auf. Shoegaze, weil die Gitarristinnen und Bassistinnen meist auf die Pedale vor ihren Füßen starrten. Zugleich spiegelt der Name die Schüchternheit und Introvertiertheit der Musik und ihrer Protagonisten wieder, die sich in ihrem nachdenklichen, driftenden, poetischen, leicht melancholischen Sound verloren.

Der größte Unterschied zu den Neunzigern: heute beseitigt eine digitale Produktion jegliche Patina.

Mit verhaltenem Schlagzeug, weichem, ruhigem Bass, verhallenden, raumgreifenden Gitarren und ätherischen Gesang waren Slowdive nicht die auffälligste Band der Bewegung, aber eine der charakterstärksten: Ihre Songs klangen ernst und fokussiert, gleichzeitig jedoch bescheiden und beiläufig. So haben das unfassbare klare, ergreifende Just For A Day, ihr Magnum Opus Souvlaki und das faszinierend stille Pygmalion nie aufgehört, neue Musikergenerationen zu beeinflussen. Nun erscheint nach neunzehnjähriger Pause mit Slowdive das vierte Album der Band. Erstaunlicherweise ist dieser Zeitsprung kaum spürbar, Slowdive klingen genauso präzise und unprätentiös wie vor fast einem Vierteljahrhundert. Drumming und Bass erzeugen einen behutsamen Zug, die schönen Harmoniewechsel von Songwriter Neil Halstead tragen die überbordenden Hallgebäude, in denen die Stimmen vom ihm und Rachel Goswell für Augenblicke aufblitzen.

Dabei erzeugt ausgerechnet die klangliche Überfülle eine unerwartete Ruhe. Der größte Unterschied zu den Neunzigern: heute beseitigt eine digitale Produktion jegliche Patina. Wo andere dadurch nüchtern und neutral klängen, kommt bei Slowdive die Beiläufigkeit in ihrem Sound noch unmittelbarer zum Ausdruck. Man kann sich ganz und gar in diese Musik hineinfallen lassen – und doch hat sie nichts Benebeltes oder Psychedelisches.

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