Sleep Sleep

Andreas Spechtls erste Soloplatte hilft, sich wieder einzunorden, wenn man abgehoben oder abgestürzt ist. Ja, es stimmt: Sein Schlaf ist wie love.

»Das Schiff, das ist die Heterotopie schlechthin«, schrieb Michel Foucault im Jahr 1967. »In den Zivilisationen ohne Schiff versiegen die Träume, die Spionage ersetzt das Abenteuer und die Polizei die Freibeuter.« Um Schiffe, Freibeutertum und die damit verbundenen Heterotopien ging es auf Libertatia, dem letzten Album der Gruppe Ja, Panik. Um Träume und Möglichkeitsräume geht es nun bei Sleep, dem Soloprojekt von Andreas Spechtl. Spechtl ist seit zehn Jahren Texter, Sänger und Gitarrist der österreichischen Wahl-Berliner-Band und seit kurzem neben Robert Stadlober und Daniel Moheit Mitglied der Oktavistischen Internationale, die das obige Foucault-Zitat zu ihrem Leitspruch wählte. Sein Album Sleep kreist nach dem Motto »Schlaf ist wie love« um Schlaf als Elixier, Fluchtpunkt und Traumplatz, es gönnt sich Zeit und Raum für Feldaufnahmen, wechselnde Rhythmen, sperrige und fremdartige Klänge. Kurz: fürs Mäandern.

Ein Song wie »Sister Sleep« fußt auf Geknarze, zu dem sich eine Klavierfigur und später Elektrobeats gesellen. Spechtl singt soft auf Englisch, seine Stimme erinnert an Bobby Gillespie von Primal Scream anno 1987. Er packt eine dünne Gitarre drauf, lässt alles fließen. Plötzlich ertönt ein sexy Bass, schnipst eine Trompete rein, schmeichelt die Stimme: »The silence of a language / Sounds like the speech of a sister / No one lives in these cities / No one but sleep.« Im Lied »Hauntology« – der Titel bezieht sich sowohl auf den Begriff des französischen Philosophen Jacques Derrida als auch auf die popkulturelle Bewegung – paart Spechtl Bläser mit Reggae-Rhythmen, hängt straffe Gitarrenklänge und Hall dazu und lässt die Klänge von wohlig zu gespenstisch anschwellen.

In »After Dark« singt Spechtl: »Germans, they get dangerous after dark / So watch out in Hamburg, Köln, Heidelberg after dark!« Ein Ratschlag für Rumtreiber? Flüchtlinge? Dich und mich? Schlau konterkariert die fluffige Folk-Musik den Text des Songs. Fortan ewig begleiten wird einen die traurig-weise Ballade »Time To Time«, vielleicht auch »Duérmete Niño« mit einer hypnotisch verzerrten spanischen Frauenstimme (vom gleichnamigen Kinderlied hat sich Spechtl übrigens nur den Titel geborgt). Die Eingängigkeit mancher der acht Stücke wandelt sich nach mehrmaligem Hören, rhythmische Verschiebungen fallen auf, Eckigkeiten. Man kann den Schichten nachspüren, die hier sorgsam aufeinander gelegt wurden.

Andreas Spechtl liebt den Schlaf und die Klänge und lässt beiden die nötige Ruhe, den nötigen Raum – eine magische Kombination. Diese schöne Platte hilft, sich wieder einzunorden, wenn man abgehoben oder abgestürzt ist. Ja, es stimmt: Sein Schlaf ist wie love.

1 KOMMENTAR

  1. Es gibt russische Philosophen die sich mit dem Thema sleep as resistance auseinandergesetzt haben. Maybe he was beeinflusst … im besten Falle.

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