Sleater-Kinney – Über die Verhältnisse

Fotos: Chris Hornbecker

Selten wurde eine Reunion mit größerer Euphorie begrüßt als die unmittelbar bevorstehende Rückkehr von Sleater-Kinney. Die Band ist sich dessen bewusst und will alles richtig machen: verbissene neue Platte, maximal mittelgroße Clubshows, lieber keine Festivals.

Wie so viele machtbesessene Menschen sind die Mitglieder von Sleater-Kinney im Grunde genommen machtlos. Seit jeher beschäftigen sie sich mit herrschenden Verhältnissen, unerwünschter Einflussnahme und gängigen Autoritätsmissbrauchsmethoden von Politikern, Musikmanagern, Konsumgesellschaftern, Lebenspartnern und Rockbandfrontmännern. Vielleicht hat keine Band der letzten 20 Jahre anschaulichere Lieder über diese Themen geschrieben. Am Ende des Tages können Sleater-Kinney aber nicht mal den eigenen Laden zusammenhalten. Es war, sagen sie, nicht wirklich ihre Entscheidung, die Band im Jahr 2015 wiederzuvereinen, ein neues Album zu veröffentlichen und auf Tour zu gehen. Es war noch nicht mal ihre Entscheidung, sie 1994 zu gründen und 2006 zum ersten Mal aufzulösen.

»Seit ich in dieser Band spiele, kommt sie mir vor wie eine Lokomotive«, sagt Janet Weiss, die Schlagzeugerin von Sleater-Kinney. »Wir sind die Musikerinnen und entwickeln zu dritt eine Kraft, die es nirgendwo sonst gibt. Eigentlich hängen wir aber nur zum Fenster der Lokomotive raus und versuchen verzweifelt, uns irgendwo festzuhalten.« Weiss betreibt Sleater-Kinney seit kurzem wieder mit den singenden Gitarristinnen Corin Tucker und Carrie Brownstein. Alle drei sprechen oft in der dritten Person und mit einer gewissen Ehrfurcht über die Band, deren Wiedervereinigung sie im vergangenen Oktober verkündet haben. Bei allen Bemühungen um Selbstbestimmung und -ermächtigung müssen sie immer wieder einsehen, dass sie Sleater-Kinney nicht bis ins letzte Detail kontrollieren können. »Zu dieser Band gehört mehr als nur ihre Mitglieder«, sagt Brownstein. »Ihr Wesen existiert außerhalb unserer Einflussnahme. Sleater-Kinney hat eine eigene Art von Macht.«

Nicht schlecht für ein ursprüngliches Nebenprojekt. Corin Tucker und Carrie Brownstein waren Studentinnen am Evergreen State College in Olympia, Washington und gehörten schon zu den Gruppen Heavens To Betsy beziehungsweise Excuse 17 als sie Sleater-Kinney Anfang 1994 gründeten. Über die Musik wurden sie zum Paar, ihr Debütalbum entstand während einer Nacht im Australienurlaub, die vorherigen Projekte waren dann schnell Geschichte. Janet Weiss kam 1996 hinzu und beendete eine im Punkszenen-Dreieck Portland-Seattle-Olympia nicht unübliche Phase des Schlagzeugerinnenverschleißes. Obwohl sich Tucker und Brownstein zu diesem Zeitpunkt schon wieder getrennt hatten, traf Weiss auf eine ungewöhnliche Bandchemie. »Wir sind sehr offen miteinander umgegangen und hatten nie Probleme damit, verletzlich zu sein. In dieser Hinsicht war die Band wie eine Beziehung, auch wenn nach der Probe jede von uns in ihrem eigenen Bett geschlafen hat.«

Olympia und Washington, D.C. waren in den frühen Neunzigerjahren die Küstenstützpunkte von Riot Grrrl. Kathleen Hanna und ihre Band Bikini Kill gelten als Initiatorinnen der Bewegung, wie später auch Brownstein und Tucker besuchte Hanna das Evergreen State College und lotete die Grenzen seiner liberalen Weltanschauung aus. Sleater-Kinney haben nie einen Hehl aus dem Einfluss von Riot Grrrl gemacht, hatten aber größere musikalische Ambitionen als die meisten Bands, die der Bewegung zugerechnet werden. Das ebenso eckige wie melodische Gitarrenspiel von Tucker und Brownstein verhakte sich auf unerhörte Weise ineinander. Weiss ist ein Schlagzeug-Powerhouse, dessen Überlegenheit in der Pac-NW-Punkszene beinahe unfair erschien. Tuckers wogende, mitunter rockröhrige Stimme erwies sich sogar als anschlussfähig an den Mainstream. Alanis Morissette kultivierte auf ihrem zweiten, vergleichsweise düsteren Album 1998 einen ähnlich hemmungslosen Feueralarmgesang.

»Wir haben uns komplett über die Musik definiert«, sagt Brownstein, »aber trotzdem wurden wir immer wieder gezwungen, unsere Existenz zu rechtfertigen. Sleater-Kinney haben den Status Quo der Rockmusik hinterfragt. Für viele Leute war das eine Bedrohung.« Die Reaktionen von Publikum und Presse schärften das Sendungsbewusstsein von Sleater-Kinney. Sie wurden zur Band, die über die Verhältnisse schreibt: zu Musikindustrie und Materialismus, Patriotismus und Außenpolitik, zu Partnerinnen und Partnern, Feminismus und den eigenen Körpern. Leitmotiv ist dabei immer die Macht. Von ihrem Freund und frühen Ratgeber Ian MacKaye (Fugazi) ließen sich Sleater-Kinney nicht ausreden, mit Mainstreamzeitschriften wie Spin und Rolling Stone zu sprechen. Angebote von Majorlabels lehnten sie stets ab. »Die Beschäftigung mit Machtkämpfen und -strukturen war für uns völlig selbstverständlich«, sagt Brownstein. »Wer kein Interesse an diesen Themen hat, kann sich glücklich schätzen: Er befindet sich mit ziemlicher Sicherheit in einer Machtposition.«

Sleater-Kinney haben immer auch Musik über das Musikmachen gemacht. Es gibt Songs von ihnen, die Gitarrenrock als das größte aller Gefühle feiern und andere, die dem Idealbild des männlichen Gitarrenrockers mit großem Groupie- und Drogenverbrauch eine Alternative entgegensetzen. Elf Stadionshows, die Sleater-Kinney 2003 im Vorprogramm von Pearl Jam spielten, gaben schließlich die Richtung für die siebte und letzte Platte vor ihrer ersten Auflösung vor. The Woods ist eine Auseinandersetzung auf Albumlänge mit dem Classic Rock, das Verhältnis wird von Hassliebe bestimmt. Während ihrer Pearl-Jam-Konzerte coverten Sleater-Kinney Springsteen und CCR, auf The Woods klangen sie heavy und ausladend wie nie zuvor.

»Damals«, erinnert sich Tucker, »brachten uns die Leute plötzlich mit komischen Begriffen in Verbindung: Rockstars, Gitarrengötter, Krieger, all diese heldenhaften Archetypen. Also fingen wir an, damit zu spielen. Was, wenn die Krieger plötzlich weiblich sind? Oder der nächste große Rockstar eine eins sechzig kleine Frau ist?« The Woods ist der Soundtrack zu diesen Gedankenspielen. Es gibt Gitarrenduelle, lange Soli und an vorletzter Stelle ein elfminütiges Gitarrensoloduell. Weiss empfiehlt sich für ihre spätere Teilnahme am Schlagzeugerprojekt Drumgasm, Dave Fridmann (Mercury Rev, The Flaming Lips) produziert das Album mit besonders breiten Beinen. Vor allem Brownstein geht als Sängerin und Frontfrau, die den Status Quo nicht mehr nur hinterfragt, sondern für ungültig erklärt, in ihrer Rolle auf. »Sie hat die alten Rockstarstereotypen zerstört und durch ein Bild ersetzt, das besser zu Frauen passt und ihnen neue Räume eröffnet«, sagt Weiss. »Sie ist intelligent, aggressiv, talentiert und technisch versiert: eine Frau, die anderen Frauen zeigt, wie man zur Heldin wird.«

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Heute erscheint The Woods wie die Art von Ankunft, nach der es keine Ziele mehr gibt. Sleater-Kinney wurden mit der Platte selbst Teil des Classic-Rock-Kanons, ihre Mission war erfolgreich abgeschlossen. Wie immer, wenn eine beliebte Band auf ihrem Höhepunkt abtritt, erschien die Auflösung ebenso schmerzhaft wie folgerichtig. Als Punkband, die sich nicht auf Punkrock beschränken wollte, hatten Sleater-Kinney alles erreicht. Für weiteres Wachstum fehlten ihnen Infrastruktur und Stabilität. Mit Pearl Jam zu touren, ist eine Sache, Pearl Jam zu sein, eine ganz andere. »Es ist uns nie gelungen, die Band zu einem richtigen funktionierenden Job zu machen«, sagt Tucker. »Es gab immer so viel Chaos, so viele Zwänge und Ängste, dass wir nach The Woods nicht mehr wussten, wie es noch weitergehen sollte.«

Der Mythos um Sleater-Kinney wuchs dann einfach von allein weiter. Mit jedem Jahr ihrer Abwesenheit gewann die Band an Bedeutung. Auf ihre Rückkehr im neuen Jahr freuen sich sehr viel mehr Fans, als sie in ihrer ersten Phase hatte. Dafür gibt es Gründe. Während alle drei Mitglieder mit relevanten Nachfolgeprojekten im Gespräch blieben, gelang es keiner anderen Band, den frei gewordenen Platz einzunehmen. Komisch: Es fand sich einfach niemand, der die ebenso anspruchsvollen wie zugänglichen Spiel- und Gesangsstile zweier Frontfrauen unter einen Indierock-Hut bekam, Szenezugehörigkeit und klare politische Positionierung demonstrierte und es trotzdem schaffte, seine Botschaften mit Leichtigkeit und Glam zu vermitteln. Vielleicht wollte auch niemand die Verantwortung übernehmen, die damit einhergeht. »Ich schätze, wir haben ein Loch hinterlassen«, sagt Weiss. »Zehn Jahre später war es immer noch da.«

So gesehen ist die Reunion von Sleater-Kinney genauso folgerichtig wie ihre Auflösung. Classic-Rock-Bands kehren zurück, das war immer so und wird immer so sein. Sleater-Kinney wissen selbst nicht genau, warum sie Ende 2012 plötzlich an neuen Songs arbeiteten. Es passierte einfach und führte sie dazu, vorsichtshalber zwei Reunionregeln aufzustellen. Neue Platte: auf jeden Fall; Festivals: auf keinen Fall. So entstand in zweijähriger Geheimarbeit das 33-minütige Comebackalbum No Cities To Love. Wäre es nicht gut geworden, sagen Sleater-Kinney, hätte es auch keine Reunion gegeben. Vor allem Brownstein pochte darauf: Sie ist der Popkulturnerd in der Band, 39 Folgen ihrer Sketchcomedy Portlandia sprechen da eine klare Sprache. Es bedeutet ihr viel, dass Sleater-Kinney nie eine Dylan-in-den-Achtzigern-Phase hatten, dass es nicht mal ein schwaches Album in der Mitte ihrer Diskografie gibt und ihr Vermächtnis intakt erscheint. »Wir haben keine großen Fehler gemacht, und es wäre wirklich dämlich, das jetzt noch zu versauen.«

Mit No Cities To Love befinden sich Sleater-Kinney da auf der sicheren Seite. Ihren Songs über die Verhältnisse fügen sie mit der Platte zehn neue hinzu, die sich vor allem um die Beziehung der Band zu sich selbst drehen. Die Pause hat Sleater-Kinney erlaubt, eine karriereübergreifende Platte zu machen, keine, die lediglich auf ihren direkten Vorgänger reagiert. So klingt No Cities To Love zwar wie das kurz vor zu fett produzierte The Woods, fühlt sich mit seinen kurz und kompakt gehaltenen Songs aber eher an wie eine der frühen Platten von Sleater-Kinney. Jeder Part wurde auf absolute Unverzichtbarkeit überprüft, den fertig zusammengekürzten Stücken liegen meist längere Versionen zugrunde. Das Themenspektrum hat sich nicht verändert, die Angriffslust auch nicht. »Wir wollten weder Exzess noch Atempausen«, sagt Weiss, und das ist dann das.

Während die Rückkehr von Sleater-Kinney ihren Lauf nahm, saß Mary Timony zuhause in Washington, D.C. und fragte sich manchmal, ob sie noch eine Band hatte. Die Biografie der Sängerin und Gitarristin liest sich wie die Ostküstenversion zur Geschichte von Sleater-Kinney. Timony wurde in die Punkszene ihrer Heimatstadt hineingeboren, sie wuchs in der selben Straße auf wie Ian MacKaye. Während und nach ihrer Collegezeit spielte sie in den Bands Autoclave und Helium, später begann sie eine Solokarriere. Weiss zählte bereits zu den besten Gitarristinnen des US-Indierock, als sie 2010 mit Carrie Brownstein und Janet Weiss die Gruppe Wild Flag gründete. Viele Medien sprachen reißerisch von einer »Riot-Grrrl-Supergroup«. Wild Flag sprachen mit einem pop-punkigen Debütalbum für sich. Das Ende der Band nach nur einer Platte kam überraschend, zumindest für Timony.

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