Sleaford Mods Key Markets

Sleaford Mods wiederbeleben den Glauben an den Lad-haft virilen working class hero auf die romantische Art. Das heißt: mit exkrementellem Vokabular.

837 Aufrufe hat das Sleaford-Mods-Video zu »Face To Faces« am 30. Mai 2015. Im Viertelsekundentakt blinkt formatfüllend der Union Jack auf, wenn er verschwindet, laufen von Umhängen verhüllte Gestalten im Quadrat wie einst die hospitalistischen Eisbären im Frankfurter Zoo. Am rechten Bildrand ploppen Wörter auf, gerade so schnell, dass man sie nicht zu Sätzen formen kann. Das Auge klammert sich an Vokabeln: deterioration, obsolescence, colonization, Ritalin, atomisation, amputation, bankrupcy, hospital, schizophrenia, pathological, abstraction … einige in Anführungszeichen: »depression«, »society«, »violence«. Nach langem Stop-and-Go ein Satzanfang: »We have been expropriated from …« Den gegoogelt und gefunden: »We have been expropriated from our own language by television, from our songs by reality TV contests, from our flesh by mass pornography, from our city by the police and from our friends by wage-labor.« The Invisible Committee: The Coming Insurrection.

Das unofficial video hat vermutlich ein Fan gebastelt, der die Idee hatte, die Streitschrift des Unsichtbaren Komitees könnte für die Sleaford Mods sein, was Marx’ Kommunistisches Manifest für, sagen wir, Floh De Cologne war oder Timothy Learys The Psychedelic Experience für The Grateful Dead: der Text zur Band, der Überbau zum Werk. Bei allen Zweifeln am Kommenden Aufstand beschreibt die zitierte Passage zu Enteignung und Entfredmung ganz gut, was die Sleaford Mods in ihren Songs gröber, plastischer und poetischer formulieren: »We have lost our fucking mind … fokkin’ pisstakers, everyone spits at you, even your wife«, sprechsingt Jason Williamson gewohnt rabiat im Trademark-Midlands-Slang zum Trademark-Blechdosen-Beat von Andrew Fearn.

Der Dialekt der Sleaford Mods sei Ausdruck ihrer Wut über die britische Politik, schrieb ich letztes Jahr in dieser Zeitschrift, Mark Fisher zitierend. Und weiter: »›Excremental anger‹ bescheinigt Fisher dem Duo. Pisse und Scheiße mache sich breit in Williamsons Reimen, als könnte die physische und psychische Gülle der von Camerons Britannien Erniedrigten nicht mehr kontrolliert werden und explodiere durch das dünne Dach der ›deodorised digital commercial propaganda‹. Die Leute seien abgestumpft von Alkohol und Antidepressiva, sie würden umgeleitet in Kommentarspalten, wo sich ohnmächtige Wut artikuliert. Fisher fragt: ›Wer wird die Wut und die Frustration der Sleaford Mods aufgreifen? Wer kann diese Wut in ein neues politisches Projekt konvertieren?‹«

Exkrementell bleibt der Zorn auf Key Markets, Furzgeräusche inklusive, die Fokkin’-Frequenz ist unvermindert hoch. Ein politisches Projekt, das die Wut der Sleaford Mods für sich nutzen könnte, ist nach Camerons neuerlichem Wahlsieg weiter nicht in Sicht. So lange es Gründe gibt für Klassenkampf und Hass, so lange halten die Sleaford Mods an ihrem Sound gewordenen ausgestreckten Mittelfinger fest, keine Zeit für ästhetische Verfeinerungen. Auch wenn man sich schon mal welche wünscht, auf Albumlänge.

Interessant wird es, wenn der Bass mehr Gewicht bekommt. »Tarantula Deadly Cargo« fängt an wie Pere Ubus »Final Solution«. Außerdem hätten sie ruhig die langsame Version von »No Ones Bothered« auf die LP nehmen können, aber nein, die gibt’s nur auf der Toursingle, ein zaghafter Schritt in Richtung Dub, Sleaford-Style – plötzlich sieht man sie in einer Reihe mit Außenseitergroßmäulern des Hardcore-Continuums: Gary Clail, Mike Skinner, Skream. In diese Richtung weisen auch diverse Nebenprojekte. Mit dem aus Nottingham stammenden Produzenten Antronhy hat Williamson als Machineyfied eine Single produziert, die den Sleaford-Sound vorsichtig technofiziert, ohne von der bewährten Rhetorik zu lassen, »Piss Business« heißt die A-Seite. Auf dem neuen Leftfield-Album besetzt Williamson die Rage-and-anger-Planstelle, die vor 22 Jahren John Lydon innehatte, The Prodigy engagieren die Sleaford Mods als Relevanzmarker für ihren Track »Ibiza«, mit Mark Stewarts Pop Group teilen sie sich eine Split-Single – große Zornesmänner unter sich.

Apropos Männer. Dass die Sleaford Mods gerade in der älteren britischen, nennen wir sie mal: Bass-Linken so gefragt sind, könnte damit zu tun haben, dass sie der Gegenentwurf zu einer verunsicherten Männlichkeit sind, der seit Arthur Scargills Niederlage gegen Maggie Thatcher im Bergarbeiterstreik 1985 die Identifikationsfiguren abhandengekommen sind. Auf die romantische Art wiederbeleben die Sleaford Mods den Glauben an den Lad-haft virilen working class hero, der den smart-assig-neoliberalen Schnöseln da oben mal so richtig auf die Fresse haut. Das Album beginnt mit einem Stadionkurvenchor aus Männerstimmen: »Sleaford Mods! Sleaford Mods! Sleaford Mods!« Wie einst im Sleafordismus.

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