Sleaford Mods: Die Kunst des Pöbelns

»The best fucking song since ›Anarchy In The UK‹.« Fotos: Wolfgang Tillmans

Der britische Künstler Scott King hat für SPEX N°354 über die Landsmänner und swear-spitter von Sleaford Mods Tagebuch gehalten, Wolfgang Tillmans sie fotografiert.

9. September 2013. Eigentlich fing alles mit einem Zufall an: Ich saß nachmittags in meinem Ess-/Arbeitszimmer und schlug die Zeit tot. Ich hätte arbeiten sollen, konnte mich aber nicht konzentrieren und klickte mich stattdessen ziellos durch YouTube-Videos. Jeder dürfte aus eigener Erfahrung wissen, wie schnell man dort Zeit und Raum aus den Augen verlieren kann: Man tippt etwas ein, das man ursprünglich sehen will, bleibt aber stattdessen in der rechten Spalte hängen, wo einem die »related videos« vorgeschlagen werden. So weiß ich zum Beispiel absolut nicht mehr, wie ich an jenem Tag auf MC Pitman kam (Erinnert sich noch jemand an den Comedy-Rapper aus Nottingham, der über Kekse rappte, sich aber wie ein Bergarbeiter kleidete?), doch die rechte Spalte empfahl mir anstelle von Pitman einen »Track 1« von einer Band namens Sleaford Mods. Auch wenn mittelalte Männer wie ich normalerweise sehr gereizt reagieren, wenn man sie zu einem listen to this oder check this out animieren will, schaute ich mir den Clip an. In diesem Fall wollte ich das Video sogar sehen, weil mir jemand am Tag zuvor von den Sleaford Mods erzählt hatte und meinte, ich würde sie bestimmt mögen. Nun: Ich mochte sie nicht – ich liebte sie. Es war wie ein Blitz aus heiterem Himmel, es war die göttliche Offenbarung. Allein dieser Typ: Steht da auf einer abgedunkelten Bühne, schreit sich Gift und Galle aus der Kehle – und das offensichtlich für ein Publikum, das aus null Zuschauern besteht. Es war genau das, worauf ich mein Leben lang gewartet hatte. Dieser Bursche ist mein neuer Held. Danach schickte ich ausnahmslos jedem, der mir in die Quere kam, eine enthusiastische E-Mail mit dem Link zu »Track 1« – ich war wochenlang nicht zu bremsen.

3. Oktober 2013. Inzwischen bin ich endgültig infiziert vom Sleaford-Bazillus. Es ist mir schon peinlich: Ich bin 43 Jahre alt, habe eine Freundin, eine Tochter, eine Hypothek … und kann plötzlich nicht mehr die Finger von Twitter lassen. Jeden Tag – manchmal den ganzen Tag – verwandle ich mich in einen Backfisch, der die Twitter-Gemeinde mit Sleaford-Superlativen quält: »The best thing since Earl Brutus!«, »The best band in Britain!« Der Abwechslung wegen streue ich bisweilen kleine Gehässigkeiten wie »Nick Cave is a Cunt« ein. Meine neue Mitgliedschaft im Sleaford-Club gibt mir das Rückgrat, über alte Kunst-Fürze wie Cave oder Henry Rollins hemmungslos herzuziehen (»Henry Rollins is a twat. Actor«). Um meine Position zu verdeutlichen, twittere ich zwischenzeitlich auch ausgewählte Sleaford-Lyrics wie »Rinsing Screamadelica … hanging around the decks … boring bastards discussing the merits of The Fall«. Meine Freunde melden sich: »Was soll das? Hast du ’nen Knall?«, doch ich ignoriere die kleingeistigen Miesmacher. Meine Freundin meint, ich solle mir endlich einen vernünftigen Job suchen. »Das ist mein Job!«, sage ich ihr und jage noch mehr Sleaford-Propaganda in die Welt hinaus. »Du bist ein armer Wicht«, sagt sie, schließt die Tür und lässt mich und die leeren Bierdosen im nächtlichen YouTube/Twitter-Universum zurück.

30. November 2013. Inzwischen bin ich halbwegs mit der Band befreundet. Ich habe der Zeitschrift Arena Homme+ einen Artikel über sie aufgeschwatzt und vereinbare mit Jason ein Interview in London. Als Interviewer bin ich grundsätzlich eine Zumutung: Ich beantworte all meine Fragen selbst und rede die ganze Zeit eigentlich nur über mich. Aber Jason ist die Liebenswürdigkeit in Person – ganz im Gegensatz zu dem Wüterich, den er auf der Bühne mimt. Ich versuche meinen Artikel zu Papier zu bringen, doch irgendwas hakt – auch wenn ich lange Wochenenden darüber brüte, wie ich meine mäandernden Fragen mit seinen (verständlicherweise) kurzen Antworten in eine plausible Balance bringen kann. Zu allem Überfluss kämpfe ich mit einem grässlichen Dilemma: Ich habe die Band inzwischen live gesehen und – wagen sich diese Worte wirklich über meine Lippen? – kam zu der ernüchternden Feststellung, dass der Gig ziemlich mies war. Sie spielten im The Old Blue Last im Londoner Eastend – einer Kneipe, die übrigens dem Vice-Magazin gehört. Jason hatte mit schlechtem Sound und einer Horde von Hipstern und Medienleuten zu kämpfen – es passte einfach nicht zusammen. Aber ich habe schon einen Plan: Im nächsten Monat spielen sie in Blackpool, der zweitärmsten Stadt in England. Ich habe mich in die Theorie verbissen, dass Blackpool das ideale Umfeld für sie bietet – und dass ich deshalb vor Ort sein werde.

Jason Williamson of Sleaford Mods
Jason Williamson

14. Dezember 2013. Ich bin so aufgeregt, dass ich schon einen Tag vorher nach Blackpool fahre. Ich will das ganze Elend dieses einstmaligen Entertainment-Eldorados in mich aufsaugen. Als aber die Band am Sonntagnachmittag endlich eintrifft, bin ich – genervt von 36 Stunden in meiner eigenen Gesellschaft – schon hoffnungslos betrunken. Der Gig findet in einer Billig-Disco statt, die sich über einer Sauna befindet. Es gibt keine Bühne und weniger als 30 zahlende Gäste, aber in dieser eisigen Nacht, inmitten von abbruchreifen Wohnzimmer-Bordellen und vorweihnachtlichen Säufern, ist die Band absolut fantastisch. Auge in Auge mit ihrem Publikum, beide auf dem gleichen verwanzten Teppich, laufen sie zur Höchstform auf. Der Set endet mit »Wage Don’t Fit«, was fast schon so etwas wie ein Soundtrack zur kaputten Lage der Nation ist: »Small talk about nothing at all/while you got a suntan and I got what? – a piss-pot – and we all get a free Cream cake on a Friday.« Ganz zum Ende greift sich ein Besoffener das Mikro und grölt hinein: »The best fucking song since ›Anarchy In The UK‹.« Auch wenn mir das Geständnis peinlich ist: Der Besoffene war ich.

Keine Frage: 2014 wird das Jahr der Sleaford Mods werden. Nach dem Gig in Blackpool bin ich davon felsenfest überzeugt. Es ist einfach unvermeidbar.

18. Januar 2014. »Thom Yorke is a Chunt.« Ich bin sehr angetan von meinem witzigen Tweet, weil er die gestelzte Schreibweise von »Tom« durch den Kakao zieht. Mittelklassen-Thom ist inzwischen das Feindbild. Genaugenommen habe ich ihn noch nie gemocht, aber nun, da ich die Sleaford Mods als Verstärkung habe, bin ich ganz mutig und spreche große Worte wie »Class War« gelassen aus. Die Frontlinien sind gezogen – und ich bin bereit für den Kampf. Schließlich bin ich doch Jasons Bruder im Herzen: gleiches Alter, gleicher Background. Wir sind praktisch identisch – wenn man mal davon absieht, dass ich gerade eine Professur an Land gezogen habe und im grünen Highbury lebe, während Jason noch immer für einen Hungerlohn in einem Callcenter in Nottingham malocht. Trotzdem weiß ich: Wir sind ein und dieselbe Person. Schließlich spricht er für mich – auch wenn ich in diesem Punkt nicht mehr der Einzige bin: Die Online-Reviews der Sleaford Mods-Shows trudeln nun immer häufiger ein – man kann mit Händen greifen, dass etwas in der Luft liegt.

3. Februar 2014. Im Vorfeld des neuen Albums scheint sich die unterschwellige Strömung nur noch zu verstärken. All die Leute, die meine E-Mails vor Weihnachten nicht beantwortet hatten, melden sich plötzlich zu Wort. Ich weiß, dass ich keinen Anspruch darauf habe, aber ich verspüre tatsächlich so etwas wie Stolz. Meine Freundin macht sich über mich lustig, nennt mich Brian Epstein oder auch The Wizard of Oz. Auf hinterfotzige Weise bestärkt sie mich in meiner Illusion, dass ich irgendwie mitverantwortlich sei für den Aufstieg der Sleaford Mods, die nun tatsächlich nicht mehr aufzuhalten sind. Es gibt allerdings einen herben Dämpfer – zumindest für mich: Arena Homme+ teilt mir mit, dass man meinen Artikel auf eine spätere Ausgabe verschiebt. Ursprünglich hätte er Ende März veröffentlicht werden sollen – genau zur Veröffentlichung des neuen Albums. Divide And Exit ist für den April geplant – und mein Artikel wäre direkt davor erschienen. Was gut für die Band gewesen wäre, aber auch gut für mich. Diese Schweine! Spät am Abend verschicke ich ein Tweet mit den Worten »Arena Homme+ are Gay«. Meine Freundin meint, ich solle den Tweet lieber löschen, weil er Schwule beleidige und obendrein arg pathetisch klänge. Ich gebe ihr Recht und schreibe stattdessen: »Arena Homme+ are Cunts«.

24. März 2014. Ich fühle mich geehrt, als Jason mir ein Demo des Albums schickt. Ich bin ganz aufgeregt und höre es mir allein in der Stille meines Arbeitszimmers an, nachdem Freundin und Kind schon zu Bett sind. Ich höre es noch mal. Und noch mal. Bollocks! Ich mag es nicht, ich mag’s überhaupt nicht. Vor allem ein Song namens »Corgi« treibt mich in den Wahnsinn. Ich halte ihn für völlig daneben. Ich schicke Jason eine E-Mail. Ich lasse das Album außen vor (ich könnte ja auch danebenliegen, weil bei mir manchmal der Groschen erst langsam fällt – auch bei Austerity Dogs dauerte es eine Weile, bis ich das ganze Album ins Herz schloss), sondern schreibe nur: »Ich glaube, du solltest nicht noch mehr Songs über Tiere schreiben. Der alte Song ›Donkey‹ war schon Scheiße – und auf ›Corgi‹ trifft das auch zu. Du hast nun mal kein Talent zum Tier-Songschreiber. Bleib lieber bei den anderen Sachen.« Seine Antwort besteht nur aus einem Wort: »Hahahaha«. Er ist nicht beunruhigt. Mehr als alle Anderen (Andrew mal ausgenommen) muss er instinktiv spüren, dass etwas in der Luft liegt, dass etwas Spektakuläres passiert, dass sich für die Band plötzlich Türen öffnen, die ihnen bislang verschlossen waren. Man muss sich nur einmal die neuen Follower auf ihrem Twitter-Account anschauen: Namhafte alte Punk-Rocker, 2-Tone-Legenden, frühere »Madchester«-Stars oder Comedians wie Stewart Lee, Liebling aller britischen Halb-Intellektuellen, sind inzwischen felsenfest davon überzeugt, dass die Sleaford Mods echte Granaten sind.

andrew fearn of sleaford mods
Andrew Fearn

19. April 2014. Es ist »Record Store Day« – und um das Ereignis gebührend zu würdigen, werden Sleaford Mods einen kleinen Auftritt vor dem Rough-Trade-Laden im Ladbroke Grove spielen. Ich habe mich dort mit Ex-Auteurs Luke Haines verabredet, der natürlich ebenfalls ein Fan der Band ist. (Luke und ich haben uns letztes Jahr angefreundet und schreiben gerade eine Mikro-Rock-Oper zusammen.) Das Publikum besteht aus typischen Indie-Jungs, italienischen Touristen und Cider-trinkenden Alt-Punks. Gleich am Anfang wird der Auftritt von einem drogenumnebelten Mann unterbrochen, der in der Nachbarschaft offensichtlich bekannt ist. Er pöbelt die Band an und beschimpft sie wahlweise als Faschisten, Marsmenschen, Kommunisten oder Boten des Teufels. Der Mann ist so weggetreten, dass er sich sogar auf den Weg zur Bühne macht, um Jason das Mikro zu entreißen. Er wird schnell wieder abgedrängt, mosert aber noch immer aus dem Hintergrund und lässt Tiraden vom Stapel, die eine Mischung aus Stream of Consciousness und Free Jazz sind. Schließlich führt ihn die Polizei ab.

Später im Pub versucht sich Jason einen Reim auf den Vorfall zu machen: »Ich glaube, dass er durchdrehte – oder noch mehr durchdrehte als ohnehin –, weil er unseren Sound hörte, unsere aufgestaute Wut, unsere Flüche, unseren gesammelten Hass auf alles – von Kellogg’s Cornflakes bis zu unschuldigen Angestellten … das ist wahrscheinlich die Stimme, die der arme Kerl den ganzen Tag in seinem Kopf hört. Und dann wird er plötzlich Zeuge, wie all seine Dämonen zum Leben erweckt werden. Armes Schwein.« Luke liegt wohl nicht falsch, wenn er sagt: Genau das ist der Grund, warum die Band so populär wird. Sie artikulieren die unterschwellige, unartikulierte Wut, die sich im Kopf vieler Leute angestaut hat.

15. Mai 2014. Divide And Exit wurde vor einigen Wochen veröffentlicht und mit Jubel-Reviews gefeiert. Heute wird das Album vom Guardian zum dritten Mal in drei Wochen besprochen. (Man hat fast schon den Eindruck, dass sie Artikel über Austerity Britain nur in die Zeitung hieven, um wieder einmal die Sleaford Mods erwähnen zu können.) Die etablierten Medien haben bereits eine Terminologie entwickelt, um sich der Band zu nähern. Die Autoren sind offenkundig enthusiastisch, haben aber Probleme, die richtigen Worte zu finden – und greifen stets aufs gleiche Strickmuster zurück. Und das geht so: »Sleaford Mods are the bastard children of The Fall and Shane Meadows.« »Sleaford Mods are the bastard children of John Cooper Clarke and Wu-Tang Clan.« »Sleaford Mods are the bastard children of Happy Mondays and Half Man Half Biscuit.« Zwei links, zwei rechts. Man kann es der Band nicht hoch genug anrechnen, dass sie sich partout nicht kategorisieren lässt. Immerhin scheinen die Reviews ihre Schuldigkeit zu tun, denn das Momentum der Band wächst mit jedem weiteren Tag. MOJO widmet dem Album ein zweiseitiges Review (wobei eine Seite einer zweifelhaften Illu vorbehalten ist, die Jason & Andrew als Liam & Patsy auf dem Höhepunkt des Union-Jack-beschwipsten Britpop zeigt) und bemüht als Überschrift einen kleinen Kalauer: »Cruel Britannia«. Läuft’s tatsächlich so ab? Ist das der Weg, um Karriere zu machen? Sieht jedenfalls ganz so aus. Zwei Typen, denen nicht gerade die goldene Zukunft winkt, kommen zusammen und machen rudimentäre Protestmusik. Sie wollen die Wahrheit rausbrüllen, sich lautstark beklagen und der Welt zurufen, sie soll sich gefälligst verpissen – und haben damit tatsächlich Erfolg. Sie haben so viel Erfolg, dass die Medien auf dem falschen Fuß erwischt werden und bescheuerte Vergleiche aus dem Zylinder ziehen: »X + Y = Sleaford Mods«. Nun ja, warum nicht. Hauptsache, es hilft der Band – einer Band, die hoffentlich genug Dampf im Kessel hat, um auch weiterhin eine lethargische, mumfordisierte Kultur unter Beschuss zu nehmen. Später am Abend schreibe ich einen weiteren Tweet: »Arena Homme+ Are Killing Art«.
Ich lege eine mehrwöchige Sleaford Mods-Abstinenz ein – keine Tweets mehr, keine nächtlichen YouTube-Sessions. Ich frage mich, ob ich den Sleaford-Bazillus vielleicht schon verloren habe, ob sie mir nichts mehr bedeuten, nachdem sie vom Mainstream entdeckt wurden und nun jeder trendige Depp in Dalston »Tied Up In Nottz« auf dem iPod hat. Sollte meine Zeit mit den Sleaford Mods vielleicht schon abgelaufen sein?

2. Juni 2014. Gestern bekam ich eine E-Mail von Wolfgang (Tillmans): »SPEX ist interessiert, meine Sleaford Mods-Fotos zu drucken. Willst du vielleicht den Artikel schreiben?« Ich antworte umgehend: »Of course I fucking do! I love Sleaford Mods: Best Band in Britain.«

Wer nun (erneut?) mit dem Sleaford-Bazillus infiziert wurde, kann sich das neu veröffentlichte, kurze Video des NME anschauen, in dem die Mods zwei Tracks von Divide & Exit in ihrem Wohnzimmer performen. 

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