Sky Ferreira

Weltschmerzempfinden auf It-Girl-Schulter – Zachary Cole Smith und Sky Ferreira   FOTO: Erez Avissar

Sky Ferreira hat eine grandios gescheiterte Teen-Pop-Karriere hinter sich, derzeit läuft der Neustart dieser Karriere als Model, Schauspielerin und sogenannte ernstzunehmende Musikerin. Doch noch immer steht das Erscheinen ihres Debütalbums Night Time, My Time hierzulande aus und Ferreira könnte schon wieder zum Problem-Popstar werden.

Anfang Oktober hat es ihr doch noch die Sprache verschlagen. Entzündete Stimmbänder, zweiwöchige Zwangspause. Sky Ferreira musste die gerade erst begonnene Tour mit Vampire Weekend absagen. In den Monaten davor lief es besser, irgendwas war eigentlich immer mit der 21-jährigen Sängerin. Sie modelte, unter anderem für Saint Laurent, Calvin Klein, Forever 21 und Adidas. Sie saß bei jeder Fashion Week in der ersten Reihe, spielte mit in Eli Roths Kinofilm The Green Inferno, zeigte einem GQ-Fotografen ihre Brüste und veröffentlichte die EP Ghost. Wie gesagt, Sky Ferreira ist eigentlich Sängerin.

Bei Erscheinen dieses Hefts wird wohl auch ihr Debütalbum Night Time, My Time erhältlich sein. Es hängt gerade etwas in der Luft zwischen zwei Labels, das ist aber auch nicht so wichtig. Wichtig ist der Weg dahin, der schon Mitte des vergangenen Jahrzehnts begon nen hat. (Anmerkung: Das Heft erschien am 31. Oktober, für das Album gibt es hierzulande bis heute keinen VÖ-Termin.) Ferreira veröffentlichte damals ihre ersten Songs auf MySpace, Michael Jackson ermutigte sie dazu, Ferreiras Großmutter war seine Friseurin. Ein großes Label übernahm und versuchte, Ferreira mit Hilfe der schwedischen hitmaker Bloodshy & Avant als Popstar in Position zu bringen. Es entstanden ein paar entsetzlich schlechte Singles und Videos, im Clip zu »One« blies die Windmaschine, bis man selbst zu Hause vor dem Bildschirm einen steifen Hals bekam. Die Sache kostete jede Menge Geld und brachte keinem was. Sky Ferreira hätte die nächste Mandy Moore werden müssen. (Weiter nach dem Video)

Tatsächlich ist sie immer noch da, erholt und generalüberholt als It-Girl der Leute, die es sich noch leisten können, so etwas wie eine Indie-Pop-Szene in Brooklyn zu bilden. Ferreira hat sich vom Teen-Pop gelöst, sie vermeidet heute jede musikalische Festlegung. Ghost enthält fünf Lieder aus fünf verschiedenen Genres, darunter ein Alt-Country-Stück und ein weichgeklopfter Grunge-Song. Der große Popmoment der EP kommt mit »Everything Is Embarassing«, der beiläufig gesungenen Selbstmitleidshymne einer Sitzengelas- senen, die von Devonté Hynes (Blood Orange) geschrieben und von Ariel Rechtshaid (Vampire Weekend, Usher, Snoop Lion) produziert wurde. Diesmal räkelt sich Ferreira im Video, wie sich Popstars eben räkeln, sie macht das aber vor Feuertreppen und Heizungsrohren, am Ende auch auf einem Spielplatz.

Die Videos verraten überhaupt das meiste über Ferreira. Inzwischen ist die Bildsprache mehr Mumblecore als Hollywood, manchmal schwarz-weiß, oft im VHS-Stil, immer ein bisschen schmutzig, aber nie zu sehr. Es sind Freiräume für andere Arten von Popstars entstanden, seit die Grenzen aufweichen zwischen großen und kleinen Labels und Mainstream/Indie-Unterscheidungen an Bedeutung verlieren. Ferreira will all diese Freiräume gleichzeitig besetzen, deshalb kennt sie jeden und inszeniert sich für jeden verträglich. Die Angst vor dem zweiten Scheitern schwingt mit bei allem, was sie tut, sie verbietet Ferreira eine abermalige klare Positionierung. Darin besteht ihr eigentliches Drama: Sie ist jetzt berühmt, halbwegs, aber niemand kann sagen, wofür. Ferreiras Devonté-Hynes-Song klingt nach Blood Orange, ihr Shirley-Manson-Song nach Garbage. Das Terry-Richardson-Video sieht aus wie ein Terry-Richardson-Video. (Weiter nach dem Video)

Ferreira spricht von Night Time, My Time als einer Sammlung ihrer persönlichen Vorlieben. Wie schon im Fall der Ghost-EP sei kein kohärentes Album zu erwarten. Unklar bleibt bisher allerdings, ob auf die Platte kommt, was Ferreira gut findet oder was sich gut vermarkten lässt – und ob es da überhaupt einen Unterschied gibt. Die aktuelle Single »You’re Not The One« ist ein überdrehter Popsong, das Video (es gibt immer ein Video) zeigt Szenen und Outfits, die Mitte der 80er-Jahre wohl auch vor den Backstage-Eingängen bei Mötley-Crüe-Konzerten zu beobachten waren. Ein paar Tage später covert Ferreira Cat Powers »Nude As The News«. Wären ihr nicht die entzündeten Stimmbänder dazwischen gekommen, hätte sie am 21. Oktober an einem Tributabend für Elliott Smith teilgenommen.

Ferreira lebt in einer Beziehung mit Zachary Cole Smith, dem Sänger der New Yorker Band Diiv. Auch der arbeitet gerade an einer aufwändigen Inszenierung: In Interviews vergleicht er sich mit Kurt Cobain, Gründe dafür sind ein nicht näher definiertes Weltschmerzempfinden und vage äußerliche Ähnlichkeiten; die shoegazigen Indie-Pop-Jangles von Diiv eher nicht. Für Ferreiras Karriere ist die Beziehung nicht nur wegen der regelmäßigen gemeinsamen Auftritte von Bedeutung. Sie markiert auch ein zunehmend unkalkulierbares Element des Gesamtkunstwerks, macht es gelegentlich durchschaubar und lässt erkennen, wie verloren Ferreira tatsächlich dasteht zwischen all ihren Hochzeiten. Wenige Tage nach der Ankündigung von Night Time, My Time wurden sie und Smith von der New Yorker Polizei einkassiert. Smith hatte Heroin am Mann, Ferreira ein paar Pillen dabei. Bei ihrer Verhaftung soll sie sich unkooperativ verhalten haben. Es muss das erste Mal gewesen sein.

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