Skepta »Konnichiwa« / Review

Skeptas Konnichiwa lebt von allem, was es nicht ist. Zum Beispiel: The Life Of Pablo Of Grime.

»Die Platte muss auf jeden Fall noch dieses Jahr erscheinen«, hatte Skepta im SPEX-Interview gesagt. Das war allerdings schon letztes Jahr. Mai 2015, Berlin, Lebensmittelvergiftung: Unter widrigen Umständen erklärte der MC aus Tottenham, dass es den Hype um den zweiten Frühling seiner Karriere so konsequent wie möglich zu melken gelte. Mit dem Atari-Riot der epochalen Single »That’s Not Me«, erschienen im Juni 2014, hatte Skepta erheblichen Anteil daran gehabt, dass britische Rap- und Garage-Links plötzlich auch auf dem europäischen und amerikanischen Festland wieder eine Rolle spielten.

Zehn Jahre lang hatte man Grime dort ignoriert und selbst in England meist schlecht behandelt: Das Genre, das bis heute vor allem ein Phänomen der Clubnächte und Radiostationen ist, wurde durch Veranstaltungsverbote und Veränderungen im Londoner Stadtbild bis an den Rand der Bedeutungslosigkeit zurückgedrängt. Es schien genauso tot zu sein wie die Karriere von Skepta.

Zwischen 2008 und 2012 verhob sich der Mann, der eigentlich Joseph Junior Adenuga heißt, an einer Reihe poppiger Singles und pornöser Videos. Vor allem einen Remix für Sean »Diddy« Combs nahm ihm die häufig US-skeptische Szene übel. Dann aber »That’s Not Me«: ein Beat für die Ewigkeit und darauf gerappt ein mission statement der neuen No-Bullshit-Fokussierung. Es schlug ein wie eine Bombe. Skepta wurde über Nacht zum besten Rapper Englands – und Konnichiwa lange vor seiner Veröffentlichung zum ersten »Eventalbum des Grime«, wie das Magazin Fader schrieb.

Kanye West würde das vielleicht anders sehen, aber selbst das eventigste Eventalbum muss irgendwann auch mal fertig werden. Skepta tat sich schwer damit. Er sagte zahlreiche Interview- und Konzertanfragen zu, noch mehr Interview- und Konzertanfragen ab, und ließ sich abermals zu Aufnahmesessions mit einigen der wichtigsten Vornamen des US-Rap (Pharrell, Earl, Kanye schon wieder) hinreißen. Das alles kostete Zeit und erhöhte den Druck. Vom Album, das fertig werden musste, wurde Konnichiwa zur Hoffnung eines ganzen Genres aufgebauscht, der großen Standortbestimmung für Grime, Teil 2.

Skeptas Statussymbol: kein Statussymbol.

Skepta selbst ließ im Interview durchblicken, dass er sich zeitweise mit solchen Gedanken herumschlug. Nur warum eigentlich? Grime war nie ein Albumgenre. Das Wichtigste spielte sich meist in den erwähnten Clubs und Radioprogrammen ab, auf white labels und in spezialisierten Plattenläden, später natürlich auch auf Youtube und Soundcloud. Grime lebt von seiner Unmittelbarkeit, aber auch von seiner Unübersichtlichkeit. Während sich die Zahl aufregender MCs und -Produzenten im gefühlten Wochentakt potenziert, halten viele Beobachter das 13 Jahre alte Boy In Da Corner von Dizzee Rascal noch immer für den einzigen echten Albumklassiker des Genres.

Auf Konnichiwa zitiert Skepta aus dieser Platte, aber wichtiger ist, dass er auch ihr playbook befolgt. Zwar erscheint das Album nun doch erst vier Monate nach der letzten, eigentlich nicht mehr verhandelbaren Deadline, doch es ist kein aus dem Ruder gelaufenes Megaprojekt, kein Life Of Pablo Of Grime. Die Beats sind dreckig und schnörkellos, die Gästeliste bleibt, wenn schon nicht schlank, wenigstens unprotzig. Aus Skeptas großen US-Exkursen hat es nur ein Track mit Pharrell auf Konnichiwa geschafft. Er fungiert als Verschnaufpause zwischen zwei unbarmherzigen Albumseiten.

Konnichiwa fängt damit viel von der Liveenergie ein, die Grime auszeichnet. Mitunter durch Tricksereien, wie etwa eingespielte Battle-Samples, aber vor allem durch Skeptas eigenen Vortrag. Der 33-Jährige ist kein übermäßig sprachverliebter MC, jedoch gesegnet mit einem Talent für Betonung und Donnerhall, das auch vermeintliche Wegwerfzeilen zur Ansage macht.

Nicht, dass es davon viele gäbe. Das Album enthält reflektierte Bemerkungen über Alltagsrassismus, polizeiliche Betriebsblindheit und den Kampf um Zwischenräume in London – eine britische Perspektive auf Brennpunkte, die vor allem im Fokus der besten US-Rap- und R’n’B-Platten aus den letzten zwei Jahren standen. Skepta macht jedoch abermals keine große Sache daraus. Beinahe beiläufig jubelt er einem diese Themen unter und verweigert sich auch damit den Spielregeln des Eventalbums.

Die größte Stärke von Konnichiwa ist alles, was es nicht ist. Skepta spricht das ein paar Mal aus, lässt es aber vor allem mitschwingen: all die großen Namen, die es nicht aufs Album geschafft haben, die Labels, die er nicht zurückruft, die Kleider, die er nicht mehr trägt und die Autos, die er nicht mehr fährt. Konnichiwa betont den Verzicht auf übertriebene Prahlerei so markant, dass der Verzicht selbst zu einer Art der Prahlerei wird, zum großen »Ich könnte, aber ich werde nicht«. Skeptas Statussymbol: kein Statussymbol.

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