Six Organs Of Admittance Hexadic

Diesmal die volle Crazy-Horse-Dröhnung: Ben Chasny wechselt auf Hexadic erneut die Richtung und beweist mit einer krassen Platte, dass Entwicklung innerhalb weitgehend ausformulierter Genres problemlos möglich ist.

Mehr als zehn Jahre ist es her, dass amerikanischer Free Folk und Free Rock unter dem Banner New Weird America von sich reden machte. Ein neues Paralleluniversum tat sich auf, das sich kaum als bloße Retrobewegung identifizieren ließ. Schließlich galt das Soziale hier als genauso wichtig wie das musikalische Moment; schließlich wurde angesichts einer komplett auf Individualkonsum, Selbstinszenierung und -disziplinierung ausgerichteten Konsumenten-Popkultur ein Kontext der Klangkommunen, kollektiven Lebensentwürfe und Emanzipationen aller Art aufgerufen und aktualisiert. Zur Bewegung dieser Meuten und Horden, die ein weitgehend imaginäres Territorium mit ihren Jams, Noise-Improvisationen und unbestimmten Dudeleien durchstreunten, zählten lauter Bands mit ausufernden Namen: unter anderem Sunburned Hand Of The Man, Jackie-O-Motherfucker, No-Neck Blues Band, anfänglich auch Animal Collective. Den zweitlängsten Namen wählte sich Ben Chasny aus San Francisco: Six Organs Of Admittance.

Seitdem der Goldrausch in diesem Universum vorbei ist, macht Chasny weiter sein Ding – und wechselt mit jeder neuen Platte die Richtung, erweitert das Americana-Spektrum um nicht-US-amerikanische Folklore samt entsprechendem Instrumentarium oder perfektioniert den eigenen Gitarrismus in der Tradition eines John Fahey und Neil Young. Letzterer scheint überhaupt als role model für Ben Chasny herzuhalten, pendeln doch seine zahlreichen Vier-Sterne-Alben zwischen den Polen akustisch/Song und elektrisch/Lärm hin und her. Nach dem eher pastoralen Asleep On The Floodplain (2011) und dem austarierten Ascent (2012) kommt Hexadic sozusagen mit der vollen Crazy-Horse-Dröhnung.

Es gibt zwei Arten von Effekten, die den Gitarrensound hier formatieren. Einerseits Tremolo und Hall, die den Einzelton mit kühler Surf-Räumlichkeit ausstatten, andererseits das Fuzz-Pedal, das Akkorde zu brutalistischen Bauten auftürmt und Soli in schneidende Macheten verwandelt. Free-Jazz-artiger Slo-Mo-Doom-Rock, wie man ihn von Six Organs Of Admittance bisher nicht kannte, regiert hier in aller Drastik. Etwa bei Stücken wie »Sphere Path Code C« – ein wall of fuzz samt herausgewürgten Wörtern und Sätzen, der in seiner Dringlichkeit an Peter Brötzmanns Album Machine Gun erinnert. Oder »Guild« – eine hymnische Noise-Attacke im Gestus von Hendrix’ »Star Spangled Banner«-Version. Dazwischen Stücke wie »Future Verbs«, mit dem Chasny dem in die Jahre gekommenen Sound von Bohren & der Club Of Gore neues Leben einhaucht, oder »Vestige« (Überbleibsel!), ein interstellares Floaten über psychedelische Klangruinen aus den späten Sechzigerjahren.

Hexadic ist nicht nur eine krasse Platte. Sie zeigt auf, dass Entwicklung innerhalb weitgehend ausformulierter Genres problemlos möglich ist, und sie stellt Ben Chasny endgültig in eine Reihe mit Jimi Hendrix, Glenn Branca, Thurston Moore und Keiji Haino. Noch wichtiger: So wie Chasny hier die Mächtigkeit der Gitarre zelebriert, wird sie wieder zum Instrument von Wut und Wahn, zur gegenkulturellen Waffe.

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