Siouxsie

SiouxsieIch hatte große Lust auf ein Gespräch mit Siouxsie Sioux. Schließlich läuft die Saga weiter: die Geschichte der Siouxsie Sioux als Leben und Kunst kaum trennende Type. »Mantaray« heißt das Album der ehemaligen Hauptfigur unter den Banshees und The Creatures – das erste Solo-Album nach gut dreißig Jahren überhaupt. Darauf finden sich ein paar Hits für ein besseres PopRock-Radio nebst suggestiven Klanglandschaften, die in der Tiefsee angesiedelt sind.

    Das Cover setzt ihre Tradition des bei dem chinesischen Theater entlehnten Make-Up fort, die Songs handeln von fantastischen Parallelwelten. Soviel ist geblieben von jener Frau, die Ende der 70er mit den Banshees und ihrem sezierenden Antirock vor allem die Rocker unter den Punks schockieren konnte und dann mit ihrem Schauermärchen-Outfit die Zeichensprache der Goths mit definierte: lange, schwarze und auch noch hochtoupierte Haare; dunkler Lippenstift; Hundehalsbänder; ein exklusives Make-Up; und auch die Hakenkreuz-Armbinden bedeuteten in diesem Symbolgemenge einen Horror-Thrill, besonders natürlich in Großbritannien.

Sie haben zum ersten mal ein Album unter dem Namen Siouxsie gemacht. Nicht also als Siouxsie And The Banshees, nicht als The Creatures, und auch nicht als Siouxsie Sioux.
    Ich bin immer noch Siouxsie Sioux, ich habe es bloß kurz und süß gehalten. Nun mache ich schon seit über dreißig Jahren Musik. Wir schreiben 2007, und es erscheint mein Solo-Debüt.

Was machen Sie als Siouxsie, wenn so ein Album wie »Mantaray« entsteht? Ich weiß, sie singen, und Sie schreiben auch die Texte.
    Nun, ich habe Regie geführt und hatte in allen Belangen ein Vetorecht. Und auch sonst galt es für mich, auf einige Dinge zu achten. Zum Beispiel darauf, vorwiegend mit Leuten zusammen zu arbeiten, mit denen ich zuvor noch nicht produziert habe. Zudem war es mir wichtig, »Mantaray« nicht im Block aufzunehmen. Wir haben verschiedene Sessions gemacht und immer nur an zwei bis drei Stücken gleichzeitig gearbeitet.

    Mantarochen, Schwäne, Alchemie – im weiteren Verlauf des Interviews bemüht die 1957 in London unter dem Namen Susan Janet Ballion geborene Sängerin ihr Privatleben als Ressource des Solo-Albums. Sie redet ostentativ vom Neustart, von einem »neuen Aufbruch« nach dem Ende einer langen Beziehung, womit wohl ihr jahrelanges Engagement zu Budgie, ihrem Creatures-Mitstreiter, gemeint ist. Ihr Album hat allerdings auch etwas von der individuellen Misere: die beiden Seestücke »Drone Zone« und »Sea Of Tranquility« bilden das geheime Zentrum einer musikgewordenen Metapher der Verwandlung. Zu den athmosphärischen Dichten der beiden Stücke, die inhaltlich unter Wasser angesiedelt sind, gesellen sich Pop-Hits wie »Into A Swan« oder »If It Doesn’t Kill You«.

    Ein Album, das ganz aus der Zeit fällt und mit seinen simplen Sample-Loops und Profi-Gitarren sogar altmodisch klingt. Doch ich mag sie, zumal Siouxsie Sioux immer noch Alleiherrscherin ihrer pathetischen Alt-Stimme ist. Nur so macht eine Siouxsie-Platte auch Sinn, denn längst lebt sie das Leben einer Privatiesse. Das ist die weibliche Form von Privatier, und ein Privatier ist das, was Siouxsie Sioux‘ Weggefährte Malcolm McLaren in seinen ewig gleichen, aber eben eleganten Anzügen performt. Die Selbstermächtigung des Do-It-Yourself hat den Angenehmen unter den Ex-Punks eine individuale Souveränität mitgegeben. Siouxsie Sioux legt davon Zeugnis ab. Seit 1992 lebt sie nicht mehr in London, sondern im mondänen Biarritz an der französischen Atlantik-Küste. »Dort gibt es keine Engländer. Ich bin dort unbekannt. Von dort gehe ich vor und zurück, denn in einer Stadt wie London zu leben, das finde ich längst verwirrend und erschöpfend.«

    Und sie beschreibt weiter, wie sie diese Ferne zu ihrem London – dort ist Sioux geboren und aufgewachsen, dort ist auch »Mantaray« wieder entstanden – liebend gerne mit der Abgeschiedenheit der alten Kathedralenstadt am Fuß der Pyrenäen tauscht: In Biarritz sei sie fern vom Alltag des Musikgeschäftes. Und auch die Moden, auf die man in London täglich stoße, lenkten bloß davon ab, was einem tatsächlich wichtig sei.

    Dabei klingt sie nicht hochnäsig. Sie ruht bloß in sich selbst.


Das Siouxsie
-Album »Mantaray« ist erschienen bei Universal Music. Im Oktober kommt sie für drei Live-Termine nach Deutschland:

30.10. München – Backstage /// 31.10. Berlin – SO36 /// 03.11. Köln – Live Music Hall

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