Review: Simone White Yakiimo

simonewhite_yakiimo_coverWenn die Sommersonne sich in der großen Stadt Richtung Horizont neigt und die Menschen am vegetarischen Fastfoodstand, die Mädchen auf den Fahrrädern und ungelenke Ex-Paare lange Schatten auf die Wege werfen, ist es Zeit für diese Platte. Alles sehr warm und absolut antihysterisch, countryesk durchpflügter Inner-City-Folk, den Simone White zwei Jahre nach ihrem zweiten Album »I Am the Man« (das erst vor einem Jahr bei uns erschien) hier in 13 Songs aufgehen lässt. Von der melancholischen Weltanklage hat sie sich verabschiedet, schon die erste Zeile des ersten Songs (»Time to Be Myself Again«) kündigt Introspektion an. Die würde man wohl auch am ehesten von der knapp 40-jährigen Songwriterin im späten Aufbruch erwarten, die in den letzten Jahren ganz schön rumgekommen ist, auf den kleinen Bühnen dieses Planeten. So viele neue Eindrücke, so viel Ablenkung mündet eben meist in ein klein bisschen Wehleidigkeit, entsprechend setzt sich »Yakiimo« zunächst dem Verdacht aus, man habe es hier mit einer soliden, aber nicht weiter bewegenden Musik zu tun, bei der sich sehr umstandslos der Abwasch erledigen lässt.

    Doch nicht so mit Simone! Beim genaueren Zuhören entfaltet sich eine stille Pracht. Zum Beispiel lautet die erste Zeile tatsächlich »Pretending to be myself again« und leitet ihr Thema nicht aus ermüdenden Tourerfahrungen ab, sondern von der urmenschlichen Suche nach Identität, von der alten Frage, wie viel Rollenspiele man gespielt haben muss, um seine Rolle zu finden, wenn es sie denn überhaupt gibt. »Bunny in a Bunny Suit« heißt dieser zwischen kindlicher Naivität und reifer Reflektion aufgespannte Song, den auch Kimya Dawson in ein paar Jahren schreiben würde, vorausgesetzt, sie setzt sich jener Westküstenentspanntheit aus, die Simone White mit jedem verhalten gesungenen, ja fast geflüsterten Ton verbreitet. Mit souveräner Kunstfertigkeit filtert White Anekdoten aus ihrem Tourleben, verpasst ihnen musikalische Formen, die von Joni Mitchell (typische absteigende Halbtonausweichungen in »Without a Sound«) und Rickie Lee Jones (das augenzwinkernde Jazz-Feeling von »Train Song«) zwar leidlich ausprobiert wurden, sich aber in ihrer fast nüchternen Vortragsart ganz und gar zum Simone-White-Stil zusammensetzen.

    So wird im Titelstück der markante Marktschrei eines japanischen Backkartoffel-Verkäufers in einen sanften Sirenengesang überführt. »Victoria Anne« beruht auf einer Kindheitserinnerung, die keine Unbekanntere als Victoria Williams White im Tourbus erzählte, und es riecht gewissermaßen nach dem Anti-Moskito-Mittel, das der LKW versprühte, hinter welchem Williams als junges Mädchen herradelte. Der »St. Louis Blues« beschließt den Reigen, in Erinnerung an Whites Großmutter, die diesen Klassiker einst selbst in staubigen Kaschemmen zum Besten gab. Mark Nevers’ Produktion (in Nashville, klar) sorgt erneut für den adäquaten, bunten Sound, mit summenden Streichern, pickenden Gitarren und zuweilen nur mit dem Besen gestreichelten Becken. Plötzlich hängt über diesem metallischen Soundhauch nur noch White, die mit sich selbst zweistimmig singt: »On and on without a word …«

LABEL: Honest Jon’s Records | VERTRIEB: NTT / INDIGO

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