Silver Jews: Wo bleibt die Relevanz?

Erst mit Mitte Dreißig erkannte David Berman, Sänger und Komponist der amerikanischen Indie-Supergroup Silver Jews, dass es etwas zu ändern galt. Einen Selbstmordversuch, die überwundene Drogensucht und eine Augenoperation später eröffneten sich Berman neue Perspektiven. Also schrieb er ein neues Album und ging im Jahr 2006 erstmals mit seiner Band auf Tour. Stephan Loichinger traf den früheren Klassenkameraden von Stephen Malkmus anlässlich der Tour zum neuen Album »Lookout Mountain, Lookout Sea« in Frankfurt und sprach mit Berman über die Rolle des Künstlers als Entertainer und die Entmystifizierung des Songwritings.

 

Silver Jews David Berman

DAVID BERMAN: »Mir hat keiner den Arsch geküsst, ich habe mich nicht verbündet mit anderen Bands und mit Kritikern, ich habe keine 7“-Split-Singles aufgenommen. Dahinter steckte kein Ethos. Ich war bloß drogenabhängig«

 

(Foto: © Cassie Berman)

Es hat eine Weile gedauert, bis David Berman, Sänger und Komponist der Indie Folk-Supergroup Silver Jews, sein Schneckenhaus verlassen hat. Zwölf Jahre nach dem ersten, mit drei Fünfteln von Pavement eingespielten Album »Starlite Walker« traute er sich 2006 zum ersten Mal auf eine Tournee. Diese Erfahrung, sagt Berman, schlug sich nieder im aktuellen Album »Lookout Mountain, Lookout Sea«, das emanzipierter von Pavement, verspielter und lebendiger klingt, als alle bisherigen Silver Jews-Veröffentlichungen. »Ich habe bei diesen wenigen Konzerten gemerkt, dass unser Publikum jünger ist, als ich bisher annahm. Daher habe ich die neuen Stücke ganz anders angelegt: Ich zog mir für die Öffentlichkeit ein glücklicheres Gesicht auf.« Um den Schleier um seine Person und Band noch weiter zu lüften, legte er dem Album eine Übersicht über die verwendeten Gitarrenakkorde bei. »Jeder kann diese Stücke spielen«, behauptet Berman. »Ich habe mich gefragt, warum das nicht alle Künstler machen. Die meisten Rockmusiker schaffen um sich herum eine Aura des Geheimnisvollen, die durch nichts gedeckt wird.«

    Auf die Frage, ob nicht auch er sich in eine Wolke aus ›mystique‹ gehüllt habe, indem er sich dem Tourzirkus verweigerte, sagt Berman, inzwischen 41 Jahre alt: »Ein Teil von mir entschuldigt sich dafür. Ich nutzte es aus, mich zu verstecken, denn ich stellte meine Dekadenz eines Rock-Musikers nicht öffentlich aus wie etwa Nick Cave. Mein Rock’n’Roll-Leben fand eher in meinem Wohnzimmer statt.« Berman bezieht sich damit auf seine Drogenabhängigkeit. Eine Zeit, die er »verlorene Jahre« nennt.

    Was ließ ihn umdenken? Da war zum einen die Hornhaut-Transplantation am rechten Auge vor vier Jahren. Seitdem, erklärt er, habe er nicht nur buchstäblich »eine neue Sicht auf die Welt«. Zum anderen habe er nach dem 2001er Album »Bright Flight« »erkannt, dass es vielleicht bis 2009 niemand bemerkt, wenn dies meine letzte Platte wäre. Die Silver Jews wären einfach nicht wichtig genug gewesen. Mir erschien das Geheimnisvolle in meinem Fall so banal, so prosaisch.« Also ging David Berman hinaus in die Welt.

    Es kommt vor, dass Berman zu einer regelrechten Suada gegen das System Rockmusik ansetzt, ohne Punkt und Komma und ohne Hand vorm Mund. »Rockmusik passiert einfach, und sie passiert in Gruppen. Junge Musiker, die etwas Großes schaffen, wissen aber nicht, wie sie das gemacht haben. Das gibt es in keiner anderen Kunst. Und nirgends sonst wäre es möglich, dass man weiter Erfolg hat, nachdem einem die Kreativität abhanden gekommen ist.« Berman findet, dass Bob Dylans Songs überwiegend »richtig schlecht und frei von Weisheit« seien, R.E.M. seit »Murmur« nichts Neues mehr eingefallen sei und Sonic Youth »wie Vampire« die von ihnen geförderten Bands aussaugten. »Ich frage mich, warum Rockmusiker so eine kurze Kreativitätsspanne haben und keine gute Arbeit mehr machen, wenn sie 30, in Ausnahmefällen 35 Jahre alt sind.« Berman lässt da keine Diskussion zu. »Es gibt zwischen Industrie und Musikpresse einen ungeschriebenen Vertrag, der besagt: ›Wer einmal ein großer Künstler war, wird immer ein großer Künstler bleiben.‹« Darum erzielten Bands mit ollen Kamellen die größten Erfolge. »Wo bleibt da die Relevanz?«, fragt David Berman.

    Nun werden auch Berman mit den Silver Jews nicht mehr die Musik oder sich selbst neu erfinden, doch ihr Frontmann mit der schwarzen Hornbrille und den schwer zähmbaren Haaren schreibt sich eine Sonderrolle zu: »Rockmusiker werden groß in einem Umfeld aus Lob und Ruhm, anders als Maler oder Schriftsteller. Sie verlieren ihr Talent wirklich früh und wissen gar nicht, wie sie ihre früheren Erfolge hingekriegt haben. Und nur ich konnte das alles erkennen, weil ich erst im Alter von 39 in die Öffentlichkeit getreten bin. Mir hat keiner den Arsch geküsst, ich habe mich nicht verbündet mit anderen Bands und mit Kritikern, ich habe keine 7“-Split-Singles aufgenommen. Dahinter steckte kein Ethos. Ich war bloß drogenabhängig.«

    Was Berman heutzutage zu schaffen macht – folgt man seinen Worten – ist der Abstieg von Künstlern zu bloßen Unterhaltern. Als solche hätten viele »beschlossen, richtig Geld zu machen«. Berman zählt auf: Bei jeder Tour würden T-Shirts und Live-CDs verkauft, alte Platten würden in neuer Verpackung aufgelegt und bei Festivals verdienten Bands mit vergleichsweise geringem Aufwand ziemlich viel. David Berman wirft weniger den Plattenfirmen als den Entertainern, formerly known as artists, Ausverkauf vor. Auf Tour müsse auch er ein Unterhalter sein. »Der Künstler in mir wollte eine Pause.« Ob er es genießt, ist schwer auszumachen. Auf der Bühne gibt er den Freak, der er im Leben vielleicht wirklich ist. Er beendet das Konzert mit einer knappen Abschiedsformel, eine Zugabe gibt es nicht. Der Weg zum Unterhalter ist noch weit für ihn.

Das neue Silver Jews-Album »Lookout Mountain, Lookout Sea« ist soeben erschienen (Drag City / RTD).

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .