Silk Rhodes Silk Rhodes

Wecken Begehrlichkeiten an schwarze Musikgeschichte: Silk Rhodes taumeln auf ihrem Debüt zwischen Doo-Wop und Disco-Bass.

Was passiert, wenn man gleichzeitig auf Fast Forward und Rewind drückt? Das kalifornische Label Stones Throw macht es einmal mehr vor, mit dem Debütalbum von Silk Rhodes, dem Gemeinschaftsprojekt von Produzent Michael Collins (a.k.a. Salvia Plath) und Sänger Sasha Desree (alias Sasha Winn). Dabei stellt der schlurfige Seventies-Soul-Charakter, der dem Duo aus Baltimore gerne attestiert wird, nur einen Ausschnitt von dessen Begehrlichkeit an schwarzer Musikgeschichte dar – man lausche etwa den rührend süßlichen Doo-Wop-Harmonien in »This Painted World« oder den knackigen Disco-Basslinien in »Face 2 Face«. Ist das, was da unter einem knisternden Klangschleier und Desrees gefühligem Falsettgesang heranblüht, schon wieder die große Nostalgie?

Dass sogenannter Retro-Soul mehr über die Sehnsucht im Jetzt als über die eigentliche Vergangenheit erzählt, mag mittlerweile eine Binsenweisheit sein. Und vielleicht gelingt das Andocken an Silk Rhodes deshalb so leicht, weil es nicht nötig ist, historische Vorbilder aufzuzählen, und weil es ohne die übliche nerdige Diggin’-deeper-Attitüde auskommt, die viele Soul-Fans pflegen. Der Glaube an historische Linearität ist hier fehl am Platz, man bewegt sich in Zeitschleifen innerhalb von Zeitschleifen. So schmiegt sich beispielsweise die mit Schwermut getränkte Bluesballade »Pains« problemlos an die frühen Tage eines Lenny Kravitz, die Vintage-Rhodes-Klänge in »Realtime« wecken Erinnerungen an den krispen Sampling-Sound eines J Dilla. Remember? In den Neunzigern nannte man Retro noch Neo.

Der Legende nach entstanden die Aufnahmen von Collins und Desree on the road in Arizona, in einem alten Geländewagen, der kurzerhand in ein DIY-Aufnahmestudio umfunktioniert wurde und dessen Türgriff sich unterwegs Freunde und Zufallsbekanntschaften in die Hand gaben. Das riecht nach kreativem Prozess, Originalität, Ehrlichkeit – also nach all dem, wofür Contemporary Soul und R’n’B von Beyoncé & Co. nicht unbedingt stehen. Es ist daher kein Zufall, dass Stones Throw in Opposition zum Black-Music-Mainstream positioniert wird und vor allem bei weißen College-Kids hoch im Kurs steht. Silk Rhodes werden dadurch kein bisschen weniger sympathisch – Aussagen von der Art, sie seien die nächsten großen Soul-Erben, hingegen schon.

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