„Ich will starke Kunst, die vor Weiblichkeit trieft“ – Signe Pierce im Interview

Signe Pierce, selbsternannte reality artist, hat im Januar mit ihrer fulminanten Performance zwischen digitalem Alter Ego der „Big Sister“ und realem Selbst die Ausstellung Virtual Normality – Netzkünstlerinnen 2.0 im Museum der bildenden Künste in Leipzig eröffnet. Im Interview erklärt sie, was Technofeminismus ist, warum soziale Medien Mikrofone für subversive Kämpfe sind und wie und warum sie sich provokativ patriarchalen Schönheitsnormen anpasst, um gehört zu werden.

Signe Pierce, Ihre Rauminstallation besteht aus einem weißen Bett, das in pinkfarbenes Licht gehüllt und von rosafarbenen Blumen gesäumt wird – eine Farbpalette, die sich in Ihrer Kunst immer wieder findet. Warum diese Ästhetik?
Mich zieht das an. Vermutlich vor allem, weil man als junges Mädchen mit pinken Sachen bombardiert wird. Das ist eine Art, wie weibliche Identität infantilisiert wird und letztlich eine Form von Kontrolle. Frauen werden sozialisiert, etwas zu lieben, das mit Schwäche assoziiert und nicht ernst genommen wird. Aber es sind Dinge, auf die ich stolz bin. Ich bin stolz darauf, sie zu mögen. Diese Farben in meiner Arbeit zu benutzen, ist also meine Art, die Wirkung dessen zurückzuerobern. Ich will Farbpaletten normalisieren und die Assoziationen zwischen Weiblichkeit und Schwäche aufbrechen. Denn wir sind nicht schwach. Ich will starke politische Kunst machen, die vor Weiblichkeit trieft.

Wie findet sich das in der Rauminstallation wieder?
Dieser Raum heißt „Big Sisters Lair“ (Höhle der großen Schwester) und setzt sich mit dem Schlafzimmer als Ort auseinander. Er ist inspiriert von der „Big Sister“, einem Alter Ego, das ich spiele und das sich von der Idee des „Big Brother is watching you“ ableitet. Wir werden im modernen Leben durch Technologie immer mehr überwacht. Big Brother is watching you, but Big Sister is watching you, too. Sie guckt dich direkt an, überwacht dich, überwacht mich. Technologie bewegt sich so schnell. All diese Technologiefirmen besitzen unser Leben. Allein die Art und Weise, wie wir miteinander kommunizieren – sie sehen das alles. Wir müssen uns stärker bewusst sein, wie sehr wir uns diesen neuen Mächten unterordnen. Das hier ist ein Schlafzimmer, ein intimer Raum, ein Ort für Privatsphäre. Aber sobald man ein Smartphone im Raum hat, gibt es keine Privatsphäre mehr. Auch, wenn man den Komfort genießt, alleine in einem luxuriösen Schlafzimmer zu sein, ist immer jemand mit im Raum. Wir sind alle Big Sister.

„Frauen werden sozialisiert, etwas zu lieben, das mit Schwäche assoziiert und nicht ernst genommen wird.“

Wie passt diese Kritik dazu, dass Sie selbst die sozialen Medien, Smartphones, Instagram, Videos und das Internet als Medium für Ihre Kunst nutzen?
Ich beiße die Hand, die mich füttert. Ich identifiziere mich zwar nicht als Netzkünstlerin, aber ich nutze das Internet als Plattform, um meine Arbeit zu promoten. Warum sollte ich auch nicht? Es ist das 21. Jahrhundert und ich bin eine Medienkünstlerin. Aber nur, weil ich es nutze heißt das nicht, dass ich mit allem einverstanden sein muss. Im Gegenteil: Man kann es nutzen und gleichzeitig eine harte Kritikerin sein.

Sie bezeichnen sich nicht als Netzkünstlerin, sondern als reality artist. Was meinen Sie damit?
Ich mag die Unklarheit des Begriffs. Ich habe ihn gewählt, weil er paradox ist – was ist überhaupt Realität? Ein großer Teil meiner Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, was im Zeitalter manipulativer Medien real ist. Ein unbearbeitetes Video ist eine der besten Möglichkeiten, die wir haben, um Realität zu erfassen. Aber auch das kann manipuliert werden, ohne dass wir es wissen. Wie können wir also irgendetwas trauen? Die Linien verwischen immer mehr. Aber es bedeutet auch, Realität als Medium zu nutzen. Manchmal ist die Realität bessere Kunst als die, die man kreiert. Wenn man sie dann in einem Video festhält, kann sie tatsächlich zur Kunst werden.

Machen Sie deshalb Videokunst – um den Moment einzufangen?
Schon, ich würde mich aber auch nicht als Videokünstlerin bezeichnen. Mein Film American Reflexxx ist Performancekunst und Video, aber ich würde es reality art nennen. Die Realität ist meine Leinwand. Ich bin die Farbe und der Pinsel, der durch die Leinwand der Realität malt und das Ganze in einem Video rahmt. Ich bin fasziniert von der Art und Weise, wie Reality Stars wie Kim Kardashian ihr eigenes Leben nutzen. Sie sind Schauspielerinnen, aber die Rolle, die sie spielen, sind sie selbst. Die Idee des Warhol’schen Konzept der Pop Art gemischt mit reality art – das ist es, wie ich meine Kunst sehe. Ich nutze mein eigenes Leben als Medium.

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