Big Joanie
„Dream No 9“ 
Von der EP Sistah Punk (2014)

Weibliche Aggression ist heute unser Spezialthema, was? Das gefällt mir! Der Song erinnert mich sehr an die Band ESG, die aus drei schwarzen Frauen aus der Bronx besteht. Sie haben einen ähnlichen Sound: sehr reduzierter, atmosphärischer Funk. Der Unterschied ist, dass Big Joanie Industrial- und Doom-Elemente hinzufügen. Ich mag den Bandnamen, und ich mag das Tempo. Daran, dass mich statt der schnellen Punksongs immer noch eher langsame Sachen ansprechen, merkt man wohl, dass ich ursprünglich aus dem Reggae komme.

Die Sängerin von Big Joanie hat einmal gesagt: „Wir haben uns selbst die Bezeichnung black feminist punk band gegeben, weil es bisher keine schwarze feministische Punk Band gab.“ 
Oh, es ist schade, dass sie Poly Styrene von X-Ray Spex nicht kennt! Genau das meine ich: Der Szene fehlten auch damals die Beziehungen und Anknüpfungspunkte untereinander. Musikerinnen dachten, dass sie allein dastehen und etwas neu erfinden müssen. Erst viel später erkannten sie, dass sie Teil einer großen Entwicklung waren. Das liegt auch daran, dass Frauen in der Geschichtsschreibung der Musik oft untergehen oder gar nicht erst berücksichtigt werden. Big Joanie sollten von Poly Styrene wissen, wie wichtig sie war, wie hart sie kämpfen musste und welcher Feindseligkeit sie ausgesetzt war. In einer Generation voller Visionäre war sie vielleicht die Visionärste von allen. Also, falls Sie in Kontakt mit Big Joanie stehen, bitte richten Sie ihnen aus, dass sie nicht allein sind! Goddess bless Big Joanie!

Cher, Chrissie Hynde & Neneh Cherry With Eric Clapton
„Love Can Build A Bridge“ 
Von der Single „Love Can Build A Bridge“ (1995)

Das sind meine Girls!

Haben Sie noch Kontakt zu Chrissie Hynde und Neneh Cherry?
Ja, ich treffe Neneh und Chrissie regelmäßig, wenn ich in London bin. Chrissie wäre in jeder Ära der Musikgeschichte erfolgreich gewesen, das denke ich jedes Mal, sobald sie ihren Mund öffnet. Ihre Art zu singen hat etwas Goldenes, das man berühren möchte. Man möchte mit dieser Stimme herumhängen. Was ich ja oft getan habe, als wir zusammen wohnten. Das war noch bevor sie ihre erste Band gründete, und wir haben immer mit Kassettenrekordern unsere Songs aufgenommen und dazu gesungen. Sie ist eine sehr temperamentvolle und meinungsstarke Person, deshalb ist es gut, dass sie mit Punk aufgewachsen ist. Ihr wahres Zuhause war aber immer der Pop. Neneh hingegen hat eine Avantgardevergangenheit. Manche Leute dachten, dass sie nicht in der Lage sein würde, sich ihrer Karriere zu widmen, da sie so jung Mutter geworden ist. Das war für Neneh aber kein Problem. Haben Sie ihr aktuelles Album gehört? Es ist vielleicht ihre kühnste und progressivste Arbeit, und nebenbei hat sie es geschafft, eine Familie zu gründen und ihre Kinder großzuziehen. Ihre Tochter Mabel macht heute auch Musik, sie hat einen Plattenvertrag und ein großes Management. Den abenteuerlichen Weg ihrer Vorfahrinnen musste sie also nicht gehen. Ich erinnere mich noch an sie als Baby, und jetzt ist sie Little Miss Popstar.

Was hat eigentlich Eric Clapton mit dem Song zu tun?
Keine Ahnung! Ich war zu der Zeit nicht in London. Ich bin nicht einmal sicher, ob sie den Song gemeinsam aufgenommen haben oder ob alles zusammengestückelt wurde. Es ging bei der Single ja um einen wohltätigen Zweck. Die Kombination der Stimmen ist sehr ungewöhnlich, schade, dass sie nicht auch Dolly Parton und Mavis Staples gewinnen konnten.

Femi Kuti
„The World Is Changing“ 
Aus dem Album No Place For My Dream (2013)

Noch jemand, den ich kenne, seit er ein Baby war. Für die Kinder großer Musiker ist es eine echte Herausforderung, sich zu emanzipieren. Wie kann man das Erbe von jemandem wie Fela Kuti antreten? Ich meine, er ist der Erfinder des Afrobeat, der heute aus britischer Clubmusik nicht mehr wegzudenken ist. Femi hat eine gute Lösung gefunden. Der Sound hat mich sofort abgeholt, ohne dass ich den Song zuvor gehört hätte. Femi ist für mich wie ein Familienmitglied. Letztes Jahr habe ich ihn in Lagos besucht. Er betreibt dort den Club New Afrika Shrine, der noch größer ist als der alte Club seines Vaters, der damals abgebrannt ist. Jedes Jahr an Felas Geburtstag veranstalten sie dort ein Festival namens Felabration, und letztes Jahr war ich dort für einen Vortrag über die Verbindung von Bob Marley und Fela Kuti eingeladen. Ich bin schließlich die einzige noch lebende Freundin von beiden.

Stimmt es, dass Sie bei einem Besuch von Felas Familie in Nigeria fast verhaftet worden wären?
Oh ja. Felas Leben war von vielen dramatischen Wendungen geprägt. Man hat sein Haus niedergebrannt, seine Mutter aus einem Fenster gestoßen – sie ist später an den Verletzungen gestorben. Er musste so viel körperliche Gewalt ertragen. Femi muss all das so nicht erleiden, aber schauen Sie sich das Land an, in dem er lebt! Lagos ist ein brandgefährlicher Ort. Bei meinem Aufenthalt dort hatte ich große Angst vor dem IS und vor Boko Haram. Die Missstände, über die Fela sang, die Korruption, die Polizeigewalt: All diese Dinge tauchen bei Femi wieder auf, auch wenn sie jetzt eine andere Qualität besitzen. Ich glaube, dass Musik Probleme ins Bewusstsein der Menschen rücken kann, dass sie die Welt verändern kann. Ehrlich gesagt muss ich mich manchmal daran festklammern, um nicht zu verzweifeln.

Madlib
„Filthy (Untouched)“ 
Aus dem Album Beat Konducta Vol 1-2: Movie Scenes (2006)

Das ist das Sample von meiner Single „Launderette“ . Meine Stimme klingt etwas seltsam, weil Madlib die Aufnahme schneller abgespielt hat (lacht ausgiebig). Es ist witzig, wie anders er die Akzente setzt. Er hat ein paar kleine Soundschnipsel wie das Spielzeugklavier herausgepickt und baut darauf eine Idee auf, das gefällt mir. Ich habe Madlib erst durch das Sample kennengelernt. Er ist ein ernstzunehmender Künstler, der im Gewusel der Musikindustrie eine eigene Identität gefunden hat. Es war mir also eine Ehre, Teil der Beat-Konducta-Clique zu sein.

Ihr Sample im Song „Water“ von The Roots geht aber auf eine lange Freundschaft zwischen Ihnen und Questlove zurück.
Genau, ich kenne Questlove noch aus den Zeiten mit Fela, und heute lehrt er am selben Institut wie ich. Obwohl wir uns schon so lange kennen, wusste er aber nicht, dass ich früher bei den Flying Lizards war. Er ist unabhängig von mir bei Recherchen auf die Musik gestoßen. Meine Stimme ist in dem Roots-Song sehr gut aufgehoben. Mein hoher, ätherischer Gesang bildet einen interessanten Kontrast zu den tiefen männlichen Stimmen. Am Ende wurde es eine goldene Schallplatte für The Roots.

Beyoncé
„Formation“ 
Von der Single „Formation“ (2016)

Hier in den USA wird sehr viel über Beyoncé diskutiert und darüber, dass sie sich jetzt endlich politisch positioniert. Ich denke nicht, dass sie eine so starke Stimme besitzt wie zum Beispiel Fela Kuti, aber auf ihre eigene Art hat sie mit diesem Song alle überrascht. Im Video sind überall Symbole und Andeutungen versteckt, die das Selbstbild des schwarzen Amerika widerspiegeln. Sie hat es geschafft, dass jetzt alle über hot sauce und die southern black identity diskutieren. Sie hat den Zeitgeist verstanden. In der ganzen Diskussion um ihre Person fällt mir aber immer wieder auf, wie mysteriös sie ist. Haben Sie Beyoncé jemals in einem großen Interview gesehen? Man sieht so viel von ihr, aber alles ist völlig kontrolliert, ihr komplettes Image ist äußerst sorgfältig überlegt.

Sie haben vorhin darüber gesprochen, wie gefällig zeitgenössische Popmusik von Frauen ist. Hier ist hingegen auffällig, wie brüchig und hart Beyoncés Stimme stellenweise klingt.
Das habe ich auch gerade gedacht. Wahrscheinlich ist ihre Härte der Situation in den USA geschuldet. Es herrschen bürgerkriegsähnliche Zustände, und man könnte fast von einer modernen Apartheid sprechen. Es vergeht kein Tag ohne Kampf, fast täglich werden Menschen erschossen, größtenteils schwarze junge Männer. Sich vorzustellen, heute die Mutter eines schwarzen Jungen zu sein, ist schrecklich. Weil man nie weiß, ob er in Sicherheit ist. Ich war neulich auf einem Festival mit einem Bekannten, der schwarz ist, und auf dem Rückweg habe ich zu ihm gesagt: „Nimm lieber ein Taxi! Ich habe das Gefühl, dass du hier nicht sicher bist.“ Es ist toll von Beyoncé, dass sie das Thema so kraftvoll angeht, und das ist wahrscheinlich der Grund, warum alle darüber sprechen: Weil eine Person, die ihr Image so sorgfältig manikürt, jetzt ein so deutliches Statement abgibt und zeigt, dass sie bereit ist, gegen das Böse aufzustehen.

Dieser Text ist wie viele andere Features und Interviews erstmals in der Printausgabe SPEX No. 368 erschienen. Das Heft kann wie alle Back Issues versandkostenfrei im Onlineshop bestellt werden.