„Sie hat etwas Goldenes, das man berühren möchte” – Vivien Goldman im Vorspiel und beim Pop-Kultur Berlin

In Berlin scheint die Sonne. Kein Wunder, aber Grund genug, den Countdown für das Pop-Kultur Berlin abzuschließen. Am Festivalfreitag beehrt Vivien Goldman  Berlin. Für das Vorspiel in der Mai/Juni-Ausgabe 2016 von SPEX trafen wir Goldman zum gemeinsamen Musikhören.

In New York City ist eben erst die Sonne aufgegangen, aber Vivien Goldman hat schon ein Meeting hinter sich. Die gebürtige Londonerin hat mit Kid Creole die gemeinsame Arbeit an einem Musical besprochen, anschließend muss sich „The Punk Professor“ auf eine ihrer Lehrveranstaltungen vorbereiten. Um das Jahr 1980 bereiste Goldman im Zeichen von Punk, Reggae und Afrobeat die halbe Welt, wohnte in London mit Chrissie Hynde zusammen, freundete sich mit Fela Kuti und Bob Marley an und schrieb als eine der ersten Musikjournalistinnen für Sounds, NME und Melody Maker. Eigene Musikprojekte führten sie später nach Paris, wo sie die Flying Lizards mitgründete.

Saâda Bonaire
„You Could Be More As You Are“ 
Von der Single „You Could Be More As You Are“ (1984)

Vivien Goldman: Ich kenne die Band nicht, fühle aber eine starke Verbindung zu dieser Musik. Der Song ist aus den frühen Achtzigern, richtig?

Genau. Die musikalischen Einflüsse sind ähnlich wie die der Flying Lizards. Das Bremer Bandkollektiv um die Sängerinnen Stephanie Lange und Claudia Hossfeld hatte für sein Debütalbum einen Vertrag mit EMI, wurde aber vor der Veröffentlichung rausgeschmissen, weil der A&R-Manager das Budget überstrapaziert hatte. Diese Single wurde trotzdem zum Clubhit.
Zu dieser Zeit begannen Bands, nicht-organische Instrumente zu benutzen, und jeder war in Funk verliebt. Mit den Flying Lizards experimentierten wir auch mit Disco-Anleihen, diese Band gibt dem Ganzen aber noch einen arabischen Twist, was ich sehr spannend finde. Aufregend an diesem Song ist auch der Kontrast zwischen den weiblichen Inhalten – einer Stimme, die zuvor im Pop nicht gehört wurde – und der Art des Vortrags mit diesem wunderbaren Ennui. Es ist paradox, dass Frauen wie Beyoncé die Charts dominieren, der Kampf aber noch längst nicht vorbei ist. Haben die großen Musikerinnen es nicht nötig, Frustration und Wut auszudrücken? Vieles ist so gefällig und schön. Dabei gibt es auf der Welt so vieles, weswegen man heute wütend sein muss. Vielleicht sogar mehr als damals. Es wäre ein guter Zeitpunkt, die Energie der Punkmusikerinnen aus den Achtzigern wiederzubeleben. Let’s get the angry girls back!

Kesha
„Your Love Is My Drug“ 
Aus dem Album Animal (2010)

Ah, das ist Kesha. Ich verfolge den Fall um ihren Rechtsstreit mit Dr. Luke und Sony natürlich.

Wie misogyn ist die Musikindustrie heute?
Das Showbusiness steckt voller Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten. Nicht nur, dass Schauspielerinnen oder Musikerinnen noch immer vor allem nach ihrem Äußeren bewertet werden – schauen Sie sich beispielsweise den gender pay gap an oder die Diskussionen um die diesjährige Oscar-Verleihung! Zwar sind die Umstände heute besser als zur Zeit, als ich anfing, Musik zu machen und darüber zu schreiben. Bob Marley hat einmal zu mir gesagt: „La lotta continua.“ Die Leute in meinem Umfeld, die weibliche Bands oder Musikerinnen managen, sagen, dass sie noch immer auf viele Widerstände stoßen, wenn es ans Booking geht. Das Internet hat allerdings mehr Raum für Weiblichkeit in der Musikindustrie geschaffen, auch wenn dadurch wieder neue Probleme aufgetreten sind, was die Bezahlung von Autorinnen und Musikerinnen betrifft. Dieses Mädchen-mit-einem-Keyboard-im-Schlafzimmer-Ding hat uns viele tolle Musikerinnen geschenkt, Little Boots zum Beispiel.

The Julie Ruin
„Oh Come On“ 
Aus dem Album Run Fast (2013)

Dieser Song hat einen merkwürdigen Pastiche-Anstrich. Er erinnert mich an Go-go-Tanz und gleichzeitig an die Aggression von Power-Pop in den Achtzigerjahren.

Haben Sie Kathleen Hanna, die hier singt, je getroffen?
Das ist Kathleen Hanna? Natürlich kenne ich sie, hätte sie aber hier nicht wiedererkannt. Sie ist eine große Inspiration für so viele Frauen, sozusagen das Licht ihrer Generation. Viele meiner Studierenden lieben vor allem The Punk Singer, den Dokumentarfilm über sie.

Wie haben Sie die US-amerikanische Riot-Grrrl-Bewegung miterlebt?
Das war in den frühen Neunzigerjahren, und ich reiste zum ersten Mal in die USA. Ich ließ die europäische Punkszene, in der ich schon länger eine Auflösung der Strukturen bemerkt hatte, hinter mir. Es freute mich daher umso mehr, in den USA diese neuerliche Begeisterung mitzubekommen, mit der junge Frauen Bands und Fanzines gründeten. Weibliche Energie war allgegenwärtig. Leute wie Kathleen Hanna haben da natürlich Brücken gebaut.

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