Sicario – Nach der Generation mindfuck

Was gut oder böse ist, ist immer klar erkennbar, nur lässt sich daraus nicht schließen, wer gut oder böse ist: Denis Villeneuves Sicario startet morgen in den deutschen Kinos.

Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, urteilte Thomas Hobbes einst in seiner Analyse des Naturzustands. Die Filme des kanadischen Regisseurs Denis Villeneuve versuchen, dieser ursprünglichen rohen Art des Menschseins nahe zu kommen. Regelmäßig versetzt er seine Protagonisten in Extremzustände äußerer und innerer Natur: Er zeigt das inzestuöse Schicksal einer Mutter im Bürgerkrieg (Incendies), das von ohnmächtiger Verzweiflung in Selbstjustiz umschlagende Verhalten eines Vaters, dessen Kind entführt wurde (Prisoners). Villeneuve interessiert sich für den Menschen mit einer durchschnittlichen westlichen Prägung, die er Schicht um Schicht abträgt, um so zum Kern vorzudringen: in das Labyrinth der menschlichen Psyche.

sicario1

Die Protagonistin seines jüngsten Films Sicario, die idealistische FBI-Agentin Kate Macer (Emily Blunt), wird bei einer Hausdurchsuchung mit der Brutalität mexikanischer Kartelle konfrontiert. Neben Drogen stößt man in dem gestürmten Anwesen auf Dutzende verstümmelter Leichen. Während sich Macers männlicher Partner draußen übergibt, fordert ihr Gerechtigkeitssinn, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Die Gelegenheit hierzu erhält sie von einem ebenso zynischen wie lässigen CIA-Veteran (Josh Brolin in Flipflops), der sie für eine Geheimoperation rekrutiert. Macer ist plötzlich Teil einer Truppe aus Ex-Soldaten, Geheimdienstlern und der von Benicio del Toro sehr allegorisch interpretierten Figur des Sicario (spanisch für Auftragskiller). Ziel ist, ein hochrangiges Kartellmitglied aus der Deckung zu locken, um so einen der Bosse in Mexiko aufzuspüren. Das Unternehmen gelingt, aber nicht ohne eine Vielzahl von Gesetzesbrüchen. Macers Idealismus verbietet ihr, dieses Outlaw-Ethos einfach zu akzeptieren. Sie will ihren Kollegen die Stirn bieten.

Das Sujet wirkt bekannt. Seit Kathryn Bigelows Zero Dark Thirty und der TV-Serie Homeland setzt man in Amerika zur glaubwürdigen Vermittlung moralischer Integrität vermehrt auf weibliche Figuren. Es war nur eine Frage der Zeit, bis nach Afghanistan, Irak und Iran nun auch die heimische Front der USA, die Grenze zu Mexiko, ihre Heldin bekommt. Villeneuve bedient sich dieses Narrativs aber nur oberflächlich, im Grunde zielt er auf etwas anderes. Das eigentliche Geschehen des Films setzt erst nach der Action-Ouvertüre ein. Stück für Stück erodiert Macers Moralkodex an einem Überhand nehmenden Gefühl der Angst. Angst, so schon Hobbes, ist die größte Bedrohung für jede gesellschaftliche Ordnung. Sie allein vermag es, den Menschen in einen Krieg aller gegen alle zurückzuwerfen. Dorthin führt Macer nun just die Stimme ihres Gewissens, ihre Wahrheitsliebe, ihre Unkorrumpierbarkeit.

Villeneuve läutet mit seinen Filmen eine neue Ära des Psychothrillers ein und löst damit die Mindfuck-Generation um David Fincher und Christopher Nolan ab. Seine Filme zergliedern die Menschen in ihre primären Ängste und Begierden, ohne eine Anleitung, sie je wieder zusammenzusetzen. Anders als im platonischen Gleichnis führt die Selbsterkenntnis nicht aus der Höhle heraus, sondern in sie hinein. Dennoch wird man in Sicario nicht auf plumpen moralischen Relativismus zurückgeworfen. Was gut oder böse ist, ist immer klar erkennbar, nur lässt sich daraus nicht schließen, wer gut oder böse ist. Villeneuve zerlegt seine zunächst archetypisch angelegten Figuren und gibt sie zugunsten der ganzen Paradoxalität des Archetypus »Mensch« auf. Es ist, als folge er Hobbes, der einst sagte: der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Nur um hinzuzuzufügen: der Mensch ist dem Menschen ein Gott.

Dieser Text stammt aus der Printausgabe SPEX N° 364. Das Heft kann hier versandkostenfrei bestellt werden.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.