Sibylle Berg

Foto: Lütscher

Bedarf es unbedingt einer zynischen Natur, um nach dem Genuss von Sibylle Bergs neuem Roman Vielen Dank für das Leben doch den vorzeitigen Weltuntergang herbeizusehnen? Was in der tristen namenlosen DDR-Provinz und den 1960ern beginnt, endet weniger als zwanzig Jahre von unserer Gegenwart entfernt in einer Welt der Kulissen. Europa ist verarmt, die »1%« haben sich aus der Gesellschaft auf schwimmende Inseln hinaus zurückgezogen, eine Art untere Mittelschicht existiert nur noch in Arabien, Indien und Ostasien, und bevölkert als Touristen die leeren, lediglich von einigen Statisten ausgefüllten Innenstädte des Westens. Naturerfahrungen gibt es nur am Wochenende im Streichelzoo auf der Bio-Alm. Die Welt scheint sich ausgekotzt zu haben, der Magenkrampf ist geblieben.

Und mitten hindurch (wie auch all die Jahre zuvor) wandert die Toto – riesengroß, sanftmütig, geschlechtslos, nicht direkt begabt, aber durch Selbstexperiment und die Zeichnung des Lebens im Besitz einer unglaublichen, ergreifenden Singstimme. Den Weg säumen verstimmte Mitmenschen jeglicher Art, die Toto mal mehr, mal weniger, mal mit Kalkül, mal aus spontaner Aggression für ihre Zwecke (miss-)brauchen, mehrere Tode sterben lassen, und von Berg dafür in kleinen Nebenkapiteln in all ihrer Verbitterung, Verkrampfung und ihrem Selbsthass durchleuchtet werden. Und gerade wenn sich der innere Widerstand gegen die vermeintliche Vorhersehbarkeit und Plattheit regt, mit der Toto hier als reines, quasi außerirdisches Wesen von dieser ach so schlimmen, aber eben doch schmerzhaft als die »unsere« wiederzuerkennende Menschheit abgehoben wird, da wird die Hauptfigur selbst in all ihrer trägen Tatenlosigkeit nicht vorgeführt, aber doch offenbart. Ihre Vereinsamung wird vollends und lässt dadurch – in der Auflösung – ihr Schicksal als universell erkennen.

Getragen wird diese Erzählung von zahlreichen erinnerungswerten Sätzen lakonischer Kälte und Herzlichkeit, die es nun live zu hören gilt. Zwischen Buchmessen, -Preisen und Theater ist die Autorin gerade zusammen mit den Schauspielern Katja Riemann und Matthias Brandt sowie der aus SPEX bekannten Sängerin Mary Ocher unterwegs, die Totos »Konzerte«, wie in einem (nachfolgend eingebundenem) Video bereits zu sehen, vollführen wird, begleitet. Der visuelle Hintergrund kommt von Heta Multanen, die Choreografie von Sebastian Schwab. Nach dem gestrigen Auftakt in Hamburg steht heute das Berliner Ensemble an, gefolgt von Zürich, Erfurt und München.

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Sybille Berg, Matthias Brandt, Katja Riemann, Mary Ocher live
15.10. Berlin — Berliner Ensemble
19.10. Zürich — Kaufleuten
21.10. Erfurt — Theater Erfurt
11.11. München — Volkstheater (ohne Matthias Brandt)

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