Show Me The Body – Fresst unsere Körper

Bodychecks gegen Polizeigewalt und kapitalgetränkte Großstadtidylle: Show Me The Body veröffentlichen morgen das wohl beste New-York-Album der Dekade. SPEX hat mit dem Trio gesprochen.

Show Me The Body hätten kaum einen besseren Namen finden können. In der neunten Klasse erläuterte ein Lehrer Julian Pratt und Harlan Steed den Habeas-Corpus-Act. Damit wollte das englische Oberhaus 1679 seine Bürger vor willkürlichen Verhaftungen schützten. Klingt cool, dachten sich die Highschool-Freunde und übernahmen kurzerhand eine unbeholfene Übersetzung des Begriffs als Bandnamen.

Auf ihrem Debütalbum Body War taucht der Körper nun wieder auf. Was immer man sich unter einem Körperkrieg vorstellen mag, die kurze Beschreibung illustriert treffend, welche Wucht der Hardcore des New Yorker Trios entwickelt. Die karge Ästhetik des klassischen New York Hardcore wird mit Hip-Hop-Einflüssen und reichlich Bass unterfüttert – und geradewegs in die Magengrube des Hörers gefeuert. »Uns geht es um Körperlichkeit und physische Kräfte in der Musik«, erklärt Bassist Steed. Ihre Konzerte verstehen Show Me The Body als Ventil für Band und Fans. Wut und Aggression sollen durch ein paar Minuten gemeinsame Cholerik ausströmen – was manchmal nach hinten losgeht: »Auf unseren Konzerten gibt es immer wieder Schlägereien, was natürlich nicht unsere Intention ist.«, sagt Sänger Pratt, der, ziemlich Hardcore-untypisch, ein elektrisch verstärktes Banjo spielt. »Wir wollen ein Gefühl von Zusammengehörigkeit vermitteln.«

Eine Szene als Solidargemeinschaft mit gemeinsamen Werten also? Klingt 2016 furchtbar anachronistisch. In New York wollen so verschiedene Musiker wie Show Me The Body, die Rapper von Ratking oder Sporting Life beweisen, dass das Gegenteil richtig ist. In dem Kollektiv Letter Racer setzen sie sich unverhohlen für Offenheit und Diversität ein, verfolgen aber auch eine ganz pragmatische Agenda: »Wenn wir in Clubs auftreten, gibt es oft Ärger mit der Altersbeschränkung, und Freunde kommen nicht rein«, erzählt Steed, der wie seine beiden Kollegen Anfang 20 ist. »Deshalb ist es besser, gleich alles selbst zu organisieren.«

Auch, um damit dem sauberen Post-Giuliani-New-York den Mittelfinger zeigen. Denn für Show Me The Body und Kollegen steht die strikte Underage-Politik der etablierten New Yorker Clubs sinnbildlich für ein kapitalgetränktes New York, das unerwünschte Subkulturen im Keim erstickt. Die Band stellt sich dieser Entwicklung entgegen. Mit unangemeldeten Guerilla-Gigs und lungenquetschender Live-Energie nehmen sie ihren ganz eigenen Body War an.

Schließlich gibt es in Amerika gerade vieles, gegen das man den eigenen Körper ins Feld werfen kann. Polizeigewalt zum Beispiel. Der Song »Chrome Exposed« ist ein Giftbrief gegen eine rassistische Exekutive. Das dazugehörige Video, nur wenige Tage nach den tödlichen Schüssen auf Philando Castile in Minnesota und Alton Sterling in Louisiana veröffentlicht, eine ungeschminkte Ansammlung krasser Misshandlungsfälle. Die Bilder sollen zur Aktion aufrufen. Denn: »Da steckt ein System dahinter, das an Genozid erinnert«, sagt Pratt. »Jeder, der das geschehen lässt, ist Teil dieser Gewalt.« Habeas corpus – fresst meinen Körper. So könnte man die beiden Worte auch übersetzen.

Dieses Feature ist in der Printausgabe SPEX N° 370 erschienen. Das Heft ist nach wie vor versandkostenfrei im Onlineshop zu haben.

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