Show Me A Hero – Dort weiterdrehen, wo andere das Kotzen kriegen

Die neue Miniserie von David Simon (The Wire) und Paul Haggis verdichtet reale Begebenheiten aus den Achtzigerjahren virtuos – Sprache, Mode und Soundtrack der Milieus sind grandios getroffen.

Nach den ersten 86 Sekunden von Show Me A Hero kriegt Nick Wasicsko das Kotzen. Der jüngste Bürgermeister der USA ist auch derjenige mit dem schwersten Job: Er hat ein gerichtlich beschlossenes Bauprojekt umzusetzen, das die über Jahre gewachsene und gepflegte Segregation von schwarzer und weißer Bevölkerung in Yonkers, New York aufheben soll. 200 public housing units müssen auf der weißen, mittelständischen East Side der Stadt entstehen. Andernfalls drohen Strafzahlungen, die Yonkers in den Ruin treiben würden. Dennoch trifft das Projekt auf vorhersehbaren Widerstand: Aus antisemitischen Ressentiments, schlecht verhohlenem Rassismus und anderer Panikmache erhebt sich ein kleinbürgerlicher Mob, dessen Wut den neuen Bürgermeister mit voller Wucht trifft. Nur durch unrealistische Wahlversprechen war Wasicsko ins Amt gekommen. Ein nervöser Magen, den er mit Schlücken aus der Maalox-Familienflasche bekämpft, ist fortan sein kleinstes Problem.

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Show Me A Hero verdichtet wahre Begebenheiten aus den späten Achtzigern zu einer virtuosen sechsteiligen Serie. Die Koautoren David Simon (The Wire) und William Zorzi stellen den Machtkämpfen von judikativer und legislativer Gewalt eine Sammlung aus Einzelschicksalen gegenüber, an denen sich die Folgen des Gerangels durch alle betroffenen Bevölkerungsschichten ablesen lassen. Wie immer bei Simon sind Sprache, Mode und Soundtrack der Milieus perfekt getroffen. Als period piece ist Show Me A Hero unantastbar.

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Simons bisher spezifischste Geschichte ist aber auch seine universellste. Sie zeigt erste Auswüchse der Reaganomics und impliziert deren Bedeutung für das heute tief gespaltene Erscheinungsbild der US-Gesellschaft. Mit Bildern von Durchschnittsbürgern, die gegen das Fremde und Unbekannte pöbeln, weckt Show Me A Hero jedoch ebenso aktuelle Assoziationen, für die man nicht über den Atlantik blicken muss. Egoismus, Raffgier und mangelndes Mitgefühl finden überall ein Zuhause. Simons Kunst besteht darin, sie auszuhalten. Er dreht dort weiter, wo andere das Kotzen kriegen.

Dieses und viele weitere Filmfeatures und -kritiken sind in der Printausgabe SPEX N° 364 erschienen. Zur versandkostenfreien Heftbestellung geht es hier.

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