Shellac beim Primavera Sound Festival in Porto / Rückblende

Foto: Hugo Lima

Shellac, geil! Beim Primavera-Festival in Porto treten Albini, Weston und Trainer als Rache der alten Säcke auf.

Shellac waren vieles in ihrer 26-jährigen Bandgeschichte. Beim Primavera-Festival in Porto sind sie die Rache der alten Säcke. Alle Jubeljahre gönnen sich Steve Albini, Bob Weston und Todd Trainer mal eine Reise zu den schöneren Ausflugszielen der Musikindustrie – sozusagen ihre Version eines Segeltörns unter alten Freunden, die es abseits von Alltag und Ehepartnern noch ein letztes Mal richtig krachen lassen. Wo solche Veranstaltungen sonst jedoch dem Gedenken verblichener Jugend und Schaffenskraft dienen, verbeißen sich Shellac auch dann in der Gegenwart, wenn sie Songs aus der Y2K-Ära zerlegen.

„Repeat the lie / That makes it true“, textete Weston schon 2007 im Song „Elephant“. Und weiter: „The fact of the matter is / Facts don’t matter“. Klingt heute total aktuell, brauchen Shellac also nicht mehr zu spielen. Konzerte der Band aus Chicago bestehen mehr noch als bei anderen Gruppen auch aus den Dingen, die sie voraussetzt, nur andeutet oder ganz weglässt. Ihr Auftreten ist so frei von Prätention und Schauspiel, dass es zu einer eigenen Form von Bühnenshow wird – nicht weniger smart und choreografiert als etwa der Gig von Fever Ray zwei Stunden später am anderen Ende von Festivalspektrum und -gelände.

Andere Schlagzeuger streben nach Schnelligkeit, Virtuosität und Meisterschaft. Todd Trainers Antrieb ist die Verachtung für sein Instrument.

Fließend gehen bei Shellac die Aufbauarbeiten (es gibt natürlich keine Roadies) in den ersten Song über. Als Weston den letzten noch zu Ende spielt, hat Albini seine Gitarre schon wieder im Koffer und Trainer bereits sein halbes Schlagzeug abgebaut. Dazwischen eine Stunde Noise-, Math- und Primaten-Rock, nicht ganz fair zusammengestellt aus allen Schaffensphasen der Band. Ihr Sound könnte aus dem 17. Jahrhundert stammen oder aus dem 27., eine vollkommen zeitlose, für die Aliens konservierte Version von Rockmusik, deren Trockenheit sich bis in den eigenwilligen Humor fortsetzt. Einmal erinnert Albini das längst enthemmte Festivalpublikum an seine „sexuelle Autonomie“. Dann macht er eine Kunstpause. Und sagt schließlich: „The next song is called ‚You Came In Me’.“

Kurzer Einschub zu Todd Trainer: Todd Trainer ist our kind of drummer. Andere Schlagzeuger streben nach Schnelligkeit, Virtuosität und Meisterschaft. Trainers Antrieb ist die Verachtung für sein Instrument. Wie hart und erbarmungslos er es immer wieder an denselben Stellen trifft, merkt man nur in den wenigen Momenten des Shellac-Sets, in denen er gar nicht spielt oder mit sanften Hi-Hat-Tupfern den Übergang zur nächsten Prügelrunde einleitet. Auch in seinem Spiel steckt jedoch nicht nur Gewalt, sondern auch Humor. Wenn er am Ende mit abgeschraubter Snare-Drum über die Bühne stelzt und aus irren Augen auf alarmierte Portugiesen blickt, ist das ebenso Rockkonzert wie Performance Art.

Vielleicht ist es diese Verquirlung der Disziplinen, wegen der Shellac vier Jahre nach ihrem letzten Album und neun Jahre nach der De-facto-Schließung von Touch & Go Records noch immer so relevant erscheinen. Nichts an ihren eckigen Gitarrenfiguren oder ihrer granitblockförmigen Rhythmusgruppe klingt dated, nicht mal das Schlagzeugsolo, an dessen Ende Weston und Albini leicht verspätet auf die Bühne zurückrennen. Ihr Auftritt ist wacher, konsequenter und provokanter als all die 20-Jährigen, mit denen sie nicht nur beim Primavera die Bühne teilen. Auch ein Hinweis auf gutes Entertainment: Nach einer Shellac-Show weiß man vor allem, wer einem gestohlen bleiben kann.

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