Shearwater »Jet Plane And Oxbow« / Review

Schweizer-Uhrwerk-Rhythmen und Hassliebe zur US-amerikanischen Heimat –Jonathan Meiburg ist zurück. 

Ein Album von Shearwater zu rezensieren, bedeutet auch, aus dem begleitenden Pressetext mehr über die Flora und Fauna des Regenwaldes von Guyana und über Vögel wie den Falklandkarakara zu lernen als über das neue Werk der texanischen Band. So weiß der Rezensent nun, dass der Rotkehlkarakara trotz gegenteiliger Behauptungen kein natürliches Abwehrsekret gegen Wespen produziert. Neben seiner Tätigkeit als Frontmann von Shearwater ist Jonathan Meiburg nämlich leidenschaftlicher Ornithologe, der Expeditionen zu den Falkland- und Galapagosinseln unternimmt und diese anschließend in Naturkunde-Indierock ummünzt.

Um die Metaphern und Vergleiche in Meiburgs Texten zu entziffern und die Tiere auf den Plattencovern zu identifizieren, musste man bisher stets ein Handbuch der Biologie griffbereit haben. Doch statt Federvieh oder Vierbeiner ziert ein Kunstwerk aus Neonröhren das Artwork von Jet Plane And Oxbow, ein Album, das sich passenderweise häufiger um den Menschen dreht und verstärkt auf synthetische Klänge setzt. Beides zeigt bereits mit blubbernden und pulsierenden Synthesizern die erste Single »Quiet Americans«, in der Meiburg seine Hassliebe zur US-amerikanischen Heimat zum Ausdruck bringt und die er selbst als »breakup letter« an seine Mitbürger bezeichnet.

»Shearwater spielen mit ausgestellter Theatralik und Künstlichkeit gegen die Authentizitätslüge des Indierock an.«

Für Jet Plane And Oxbow hat sich das ehemalige Okkervil-River-Mitglied von den frühen Achtzigern und Platten wie Bowies Scary Monsters oder Peter Gabriels drittem Soloalbum inspirieren lassen. Zusammen mit Produzent Danny Reich erkundete Meiburg außerdem das Instrumentarium dieser Ära und schreckt selbst vor Rototoms nicht zurück, die dank Van Halen oder Phil Collins einen eher zweifelhaften Ruf genießen. Doch in gewisser Weise passt dieses Instrument perfekt zu Shearwaters musikalischer Vision, die mit ausgestellter Theatralik und Künstlichkeit gegen die Authentizitätslüge des Indierock anspielt – zumal diese Theatralik auf Jet Plane And Oxbow durch die Arrangements von Filmkomponist Brian Reitzell noch gesteigert wird.

War das letzte Album Animal Joy – im Jahr 2013 folgte mit Fellow Travelers eine Sammlung von Coverversionen – Shearwaters bisher geradlinigstes und lautestes, setzt Jet Plane And Oxbow diese Entwicklung mit erweitertem Instrumentarium fort. Songs wie »Filaments« oder »Radio Silence« treibt Drummer Cully Symington mit Schweizer-Uhrwerk-Rhythmen so lange an, bis selbst Meiburg seine Beherrschung verliert und sich einen kurzen Wutausbruch erlaubt. Dabei vergisst er für einen Moment sogar seine überkorrekte und affektierte Aussprache, mit der sonst nur Englischlehrer Shakespeare rezitieren.

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