Shabazz Palaces Lese Majesty

Shabazz Palaces geben mit ihrem zweiten Album Lese Majesty die Babyrapper in der Kita ab und brennen noch schnell die Hütte bis auf die Grundmauern nieder, bevor man sich in die Diaspora verzieht. 

Gute 4.000 Jahre vor Christi Geburt gelangte der afrikanische Stammeshäuptling und Wissenschaftler Shabazz zu einer erstaunlichen Erkenntnis: Nur die Harten, fand er heraus, kommen in den Garten. Laut offizieller Geschichtsschreibung der Nation Of Islam führte Shabazz sein verhätscheltes Volk also in den zentralafrikanischen Dschungel, dort sollte es Abhärtung erfahren und zu einem Leben im schon damals populären Einklang mit der Natur zurückfinden. Malcolm X hat diese Geschichte gern erzählt, um in schweren Zeiten den Zusammenhalt seiner Gefolgschaft zu beschwören. Ishmael Butler hat sich daran erinnert, als er im Jahr 2009 beschloss, sein Rap-Leben in neue Ordnung zu bringen. Für das Projekt Shabazz Palaces rekrutierte er den Multiinstrumentalisten Tendai Maraire und machte sich auf den Weg ins Herz der HipHop-Finsternis.

Shabazz Palaces stammen aus Seattle, aber das ist ähnlich erheblich wie die Tatsache, dass Sun Ra in Birmingham, Alabama, geboren wurde. Es geht nicht um Herkunft bei ihnen, es geht um Aufbruch, Reise und neue Zielorte. Dabei war Butler eigentlich ein gemachter Rapper: Als Teil von Digable Planets hatte er Anfang der Neunzigerjahre an De La Soul Is Dead angeknüpft und dessen jazzigen Sound mit seiner durch aktivistische Eltern bedingten Sozialisierung im Sinne des Civil Rights Movement zusammengebracht. HipHop verändert sich schnell und radikal, nur selten ist er nett zu seiner eigenen Vergangenheit. Kaum ein Rapalbum aber klingt heute so dated wie Digable Planets’ 1994er-Platte Blowout Comb. Butler würde wohl als Erster zustimmen. Die folgenden 15 Jahre bis zur Formation von Shabazz Palaces verbrachte er damit, sich ins Innere der Erde vorzugraben.

Noch mal fünf Jahre später landen Shabazz Palaces im Kern des Planeten und gehen von dort aus mit ihrem zweiten Album Lese Majesty auf Sendung. In jeder Phase der HipHop-Geschichte wäre ihre Musik als harsch und lichtabweisend aufgefallen. Im aktuellen Ratchet-, Trap- und Stripclub-Klima wirkt sie, als ginge es um die ernsten, unverständlichen Dinge, die erwachsene MCs besprechen, nachdem sie die Babyrapper in der Kita abgegeben haben. »Dawn In Luxor« eröffnet Lese Majesty mit dem Umriss einer Geschichte von Ursprung und Versklavung des Shabazz-Stammes. Die Stadt aus dem Songtitel verweist außerdem auf den Rapper Lakim Shabazz, der sein Label im Jahr 1990 davon überzeugen konnte, für seine verhinderte Durchbruchssingle »The Lost Tribe Of Shabazz« einen Videodreh in Luxor zu spendieren. Ishmael Butler dreht noch weiter am Rad: Sein Text spielt mit den Doppeldeutigkeiten von Begriffen wie »pop«, »new romantics« und »eurythmic« – irgendwas mit Synthpop ist also auch noch. Die abschließenden Bemerkungen zu realness und »lesser rappers« sind dann schon der pure Hohn.

Butler rappt mit nasaler, heliumhaltiger Stimme, alles klingt wie halb erinnert, es ist schwer zu sagen, wo in seiner Bewusstseinsstromprosa die Punkte und Kommas hingehören könnten. Dem gegenüber steht ein scheinbar strenger musikalischer Formalismus: Lese Majesty setzt sich aus sieben Mini-Suites zusammen, die jeweils eigene Titel, Stimmungen und Stoßrichtungen vor sich hertragen. Es gibt weggetretenen Funk, glitschige Texturen, Breakbeats, vage New-Age-Gefühle, alles schön nach Gießkannenprinzip. Resultat dieser Kleinteiligkeit ist eine weitere Verkrümelung des Shabazz-Sounds.

Seit Madvillains Madvillainy, seit zehn Jahren also, hat sich kein Rapalbum mehr so selbstbewusst und sprunghaft bewegt, so viel Fläche abgedeckt und so viel gewollt, ohne eine einzige klare Aussage zu treffen. Das alles gibt es nicht umsonst: Während das Shabazz-Debüt Black Up noch Stücke enthielt, die man zumindest mit Hits verwechseln konnte, zeigt sich Lese Majesty ganz befreit von solchen Bürden. Man sollte die Platte nicht mit Bitches Brew oder There’s A Riot Goin’ On gleichsetzen, man muss sie aber genauso hören: ganz oder gar nicht.

Vom Himmel gefallen sind Shabazz Palaces freilich nicht. Lese Majesty deutet nicht nur eine Beschäftigung mit den genannten Künstlern und Platten an, es beruft sich auch auf weniger hochtrabende Artverwandte, das Antipop Consortium, Erykah Badu, die leerstehenden Beat-Ruinen von Actress und den Leftfield-Rap, der an der amerikanischen Ostküste von Def Jux gepflegt wurde und im Westen weiterhin von Labels wie Brainfeeder und Stones Throw betrieben wird. Die Leistung von Shabazz Palaces besteht darin, das alles zu sammeln wie Feuerholz und entsprechend weiter am Lodern zu halten. Es gab schon schlechter erzogene Rapalben dieses Jahr, wortgewandtere, großkotzigere sowieso. Nur Lese Majesty aber brennt die Hütte runter bis auf die Grundmauern. Nur diese Platte nimmt unwiderruflich Abstand von 16 Bars, Hooklines und den anderen Spielregen. Was bleibt? Die wirklich Harten im Garten.

Shabazz Palaces Lese Majesty erscheint am 1. August bei Sub Pop / Cargo Records. NPR.org streamt das Album aktuell in voller Länge. SPEX N°354 mit dieser und weiteren aktuellen Kritiken ist aktuell am Kiosk oder (versandkostenfrei) im SPEX-Onlineshop erhältlich.