»Sexarbeiterin« – Filmfeature zum Kinostart

Kindliche Begeisterung für Analmassagen: Mit seiner stilvoll in Schwarz-Weiß gedrehten Doku gibt der Filmemacher Sobo Swobodnik ab morgen Einblicke in den Sexarbeitsalltag.

Alice Schwarzer tritt für die Abschaffung der Prostitution ein. Sexarbeit sei nie freiwillig, sondern eine moderne Form der Sklaverei, sagt sie. Lena Morgenroth beweist das Gegenteil. Die studierte Informatikerin hat sich aus freien Stücken für den Beruf der Prostituierten entschieden: »Ich verkaufe eine Dienstleistung und nicht meinen Körper.« Der Dokumentarfilm Sexarbeiterin von Sobo Swobodnik gibt einen unaufgeregten, durchaus humorvollen Einblick in ihren Alltag.

Lena sitzt in der Bahn und bekommt einen Anruf von einem potenziellen Kunden: Ob sie auch Analmassagen anbiete, will er wissen. »Davon bin ich sehr begeistert«, ruft sie in den Hörer, eine Spur zu laut, eine Spur zu enthusiastisch, nach Schulmädchen klingend. Um dann die Geschäftsfrau zu geben: »160 Euro, mit Spielzeug 180.« Fast literarische Qualität haben die Anmerkungen, die sich Lena über ihre Kunden macht: »Vorsicht, spritzt weit: Gesicht in Sicherheit bringen.« »Nur pinkeln, nicht spucken.« »Keinen Druck auf linke Brust – Herzschrittmacher.«

Presse5

Swobodnik, auch für die Kamera zuständig, filmt Lena bei der Arbeit: wie sie Kunden massiert, mit heißem Wachs übergießt, fesselt, auspeitscht, zum Orgasmus bringt. Das Ergebnis ist sehr ästhetisch, was an der Schwarz-Weiß-Optik und Swobodniks Sensibilität im Umgang mit Intimität liegt: Der Zuschauer sieht die Protagonisten durch Türschlitze und als Spiegelungen auf der Teekanne, vieles bleibt verschwommen. Zwischendurch gibt es immer wieder Szenen aus Lenas Alltag, man sieht sie beim Putzen, Häkeln oder Instant-Nudeln-Essen. Der – vermutete – Kontrast zwischen Job und »eigentlichem« Leben bleibt aus: Sexarbeit ist Teil von Lenas Alltag. Damit zeichnet Swobodnik ein deutlich positiveres Bild als Tatjana Turanskyj in ihrem Spielfilm Top Girl oder La Déformation Professionnelle (2014), der Sexarbeiterinnen als Objekte männlicher Begierde zeigt.

Detail am Rande: Sexarbeiterin wurde teils durch Spenden finanziert. Als Gegenleistung boten Team-Mitglieder, darunter auch Swobodnik, erotische Dienstleistungen an.

Sexarbeiterin
Deutschland 2016
Regie: Sobo Swobodnik
Mit Lena Morgenroth u. a.

Dieser Beitrag ist wie viele weitere Musik- und Filmfeatures in der Printausgabe SPEX N° 367 erschienen. Hier geht’s zum Heft, das versandkostenfrei online bestellt werden kann.

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