Seun Kuti in Hamburg

Seun Kuti & Egypt 80 in Hamburg   FOTO: Robin Hinsch
Seun Kuti & Egypt 80 in Hamburg   FOTOS: Robin Hinsch

This Ain't Africa heißt ein Festival, das derzeit in Hamburg dazu anregt, traditierte Vorstellungen endlich zu überwinden. Mit bislang bedingtem Erfolg: »I can see your struggle«, rief der großartig aufgelegte Seun Kuti dem Publikum bei seinem Konzert entgegen. Eine Rückblende samt Galerie. 

Punk, das Leben und Leiden der westlichen Jugend. Selbstzerstörung fungiert hier als Ausdruck des Protests und Spiegel der Gesellschaft. Die tendenzielle Negation derjenigen Kulturen und ihrer Geschichte, aus denen eine vermeintlich unabhängige, selbst kreierte und anarchistische Geisteshaltung entstanden ist, stellt eine Krux und ein Paradoxon der westlichen Punk-Kultur dar. Wer über diesen Untertassenrand nicht hinausgeschaut hat, dessen Wissen über kulturelle und staatliche Systemkritik zwecks Selbstreflexion endet vermutlich bei Burroughs und Bukowski.

Dabei sind Kapitalismus, Kolonialismus und Nationalsozialismus nicht nur Systeme und Begriffe, sondern auch von Europa ausgehende internationale Exporte. Sie sind heiß, unangenehm, erzeugen ein mulmiges Gefühl von Schuld und natürlicherweise eine radikale Antihaltung. Alle Bande kappen, dagegen sein und von Vorn anfangen. Worte wie Stolz und Tradition haben im historischen Kontext vor allem in Deutschland einen mehr als faden Beigeschmack, obwohl sie konstruktive Bestandteile für einen vielfältigen, diskursfreudigen und konstruktiven Kosmopolitismus sein könnten. Der mögliche Ausweg aus dem Dilemma einer ihrer Basis beraubten Identität.

Mit Sicherheit ein diskutabler Gedanke, den man an dieser Stelle gern ablehnen, weiterführen oder widerlegen darf.

Die nigerianische Yoruba-Familie Ransome-Kuti jedenfalls verbindet, seit ihrem bekanntesten Mitglied Fela Kuti, geschichts- und ortsbedingt auf ganz eigene Art und Weise traditionellen Stolz, Spiritualität und Kosmopolitismus mit elementaren humanistischen und Punk-verwandten Forderungen und Ansichten. Ton Steine Scherben wollten »keine Macht für Niemand«, Fela Kuti sah international ausschließlich »Vagabonds In Power« – Analogien in einem weltbürgerlichen Geiste, trotz ansonsten differenter weltanschaulicher Konzeptionen, wie man sie im Verhältnis zwischen Afrika und Europa oft findet.

Heute tritt Seun Kuti, der jüngste Sohn des »Black President«, auf Kampnagel auf. Er zeigt, dass das Schaffen seines Vaters lediglich der Grundstein einer generationsübergreifende Aufgabe gelegt hat. Seun Kuti hat Felas Gedanken weitergedacht und den sozialen und politischen Themen seiner Zeit angepasst. Als eigenständiger Musiker, begnadeter Live-Performer und rednerisch talentierter Entertainer. Künstlerisch entkommt er dem Schatten seines Vaters, ohne die Verbindung abstreiten zu müssen.

Das erste Stück heißt »IMF«, international motherfucker, zu Deutsch: Internationaler Währungs Fonds. Oder in Frankreich: fockör mothör international, wie Seun Kuti einem Franzosen sagte, der ihn auf das in Frankreich inadäquate Wortspiel hinwies. Seine Bühnenpräsenz ist beeindruckend. Und trotz der vielleicht gerade einmal zweihundert Konzertbesucher, kocht die Stimmung nach kurzer Zeit. Er hat seine Band, bestehend aus jungen Musikern und Mitglieder von Egypt 80, der alten Band seines Vaters mitgebracht, die er seit seinem 15. Lebensjahr als Leadsänger leitet.

Seun Kutis ebenfalls vorhandenes, außergewöhnliches Talent als Fussballer ist seiner körperlichen Kostitution anzusehen und ein ausgesprochen praktisches Attribut auf der Bühne. Schlank, muskulös und aufrecht. Er bewegt sich viel, tanzt, läuft um seine Musiker herum, erzählt Geschichten. Eine Bühne voller Aktion. Die Themen sind delikat, persönlich, politisch – die Gesichtsaudrücke im Publikum sprechen Bände. Freude und Schuld. Mitleid und Bewunderung. Die gesamte Bandbreite unausgesprochener Gedanken und Gefühle im gegenseitigen Verständnis von Schwarz und Weiß, Afrika und Europa.

Ein intelligenter, empathischer, forschender Mensch ist dieser Seun Kuti. Er schaut den Frauen im Publikum in die Augen und sagt mit ironischer Geste: »Feminin Equality is about sexual Equality.« Dabei hebt er die Faust, läuft auf und ab, dramatisiert die Pause und wirft hinterher: »It’s not about sexual Equality, it’s about intellectual Equality! I can see your struggle.« »Black Woman« heißt das Stück. »I never fear your strength / I never say you weak«. Einige schwarz-weiße Paare benehmen sich, als hätten sie noch nie über offensichtliche Unterschiede gesprochen.

Man sieht die egalisierten Gedanken von der vermeintlich erreichten Gleichheit aller Menschen förmlich bröckeln. Besitz- und Machtanspruch, Unsicherheit und Unwissenheit bezüglich eigener Intentionen: Wie geht man bei all den Komplexen mit dieser Offenheit Kutis um? Erst einmal der Situation entkommen, Bier holen und die Freundin allein tanzen lassen bis das Lied vorbei ist. Einige ältere deutsche Frauen beobachten stehend die anwesenden Afrikaner beim Tanzen.

Das Konzert hinterlässt einen bleibenden Eindruck und ergibt im Anschluss ein circa zweistündiges Zeitfenster nackter Reflexion. Die Zuschauer trommeln auf die Bühne, eine Zugabe fordernd. Ob im Anschluss wohl hier und da offen gesprochen wurde?

Das Festival This Ain't Africa läuft noch bis Samstag auf Kampnagel, u. a. mit der Tanzperformance Aaleef von Taoufiq Izeddiou, Dada Masilos Neuinterpretation von Swan Lake und TRANS[E] von Ahmed Khemis. Alle Termine und Infos finden sich hier.

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