Serpentwithfeet kündigt Debütalbum an / Neue Single / Feature in voller Länge

Der Gospel-Befreier, ehemalige Chroknabe und große Entromantifizierer legt endlich sein Debütalbum vor: Serpentwithfeet veröffentlicht am 08. Juni Soil. Eine neue Single gibt es schon jetzt – und aus gegebenem Anlass unser Print-Feature in voller Länge auch online.

Das Paradies hat er sich vorsorglich auf den Kopf tätowieren lassen. Schließlich ist er alles andere als ein Heiliger: Josiah Wise, ehemaliger Chorknabe, nur knapp verhinderter Opernsänger und Vollzeitsinnsucher, hat es sich zur Aufgabe gemacht, dem Gospel alle Frommheit auszutreiben und den alten Gangster-Geschichten jeden Anflug von Romantizismus. Wise befreit Black Power von ihren eigenen Klischees, schonungslos direkt, mit schwindelerregendem Vibrato. Und Toni Morrison gibt ihren Segen.

Josiah Wise hat genug vom Sehen und vor allem vom Gesehen-Werden. „Ist es okay, wenn wir die Kamera nicht anmachen?“, fragt er am Anfang des via Skype stattfindenden Gesprächs. Der visuell expressive Künstler liebt es, sich in Szene zu setzen, und als Interviewerin hätte man sich gerne ein etwas privateres Bild von seiner gepriesenen Ästhetik gemacht. Von seinen forschenden, mit flauschigen falschen Wimpern umrandeten Augen, der umgestülpten Mönchstonsur auf seinem Hinterkopf oder den „Suicide“- und „Heaven“-Tätowierungen auf seiner Stirn. Und eventuell hätte man einen Blick erhaschen wollen auf die neuen Hautmarkierungen auf den Schultern des 28-Jährigen: zwei schwarz ausgefüllte Kreise, einer links, einer rechts. Sie sind zugleich eine Hommage an die R’n’B-Sängerin Brandy und ihr Landmark-Album Full Moon von 2002 sowie Widerstandsmale gegen die „Lügen des Patriarchats“, wie der eloquente Sänger aus Baltimore aufgeregt erklärt.

Heute möchte sich Wise lieber nicht zeigen – was seiner klassisch ausgebildeten Stimme dafür umso deutlicheren Ausdruck verleiht: seinen Worten voll nachdenklicher Sanftmut und Verletzlichkeit, voll Mythologie, existentieller Sinnsuche und Düsternis. All den Elementen also, die sein Schaffen als Serpentwithfeet prägen. So lautet das Pseudonym, unter dem Wise seit drei Jahren aktiv ist.

„Eigentlich hatte ich nie vor, selbst Musik zu schreiben“, erklärt Wise. Vielmehr wollte er Opernsänger werden. Diesen Wunsch hatte seine Mutter genährt, als sie den elfjährigen Josiah beim Maryland State Boychoir anmeldete, zunächst „entgegen meiner lautstarken Proteste“, wie er schüchtern lachend hinzufügt. Später nahm er privaten Gesangsunterricht an der Highschool und vertiefte seine Kenntnisse und Fähigkeiten mit einem entsprechenden Studium an der Philadelphia University Of The Arts. Die Mutter wollte ihren Sohn nicht nur in klassischer Musik weiterbilden, die neben Gospel, Kirchenhymnen und, wie Wise es selbst nennt, „negro spirituals“ seine Kindheit prägte. „Schwarze Menschen, die klassische Musik singen – das war eine der vielen Methoden, durch die wir zeigen wollten, dass wir nicht ignorant sind, dass wir keine Affen sind“, erklärt Wise heute. Er verfällt in eine detailreiche Erzählung über den afroamerikanischen Tenor Roland Hayes, der 1924 unter Massenprotesten für ein Konzert nach Berlin reiste. „Er fing an zu singen und wurde ausgebuht. Minutenlang.“ Erst als Hayes Schuberts „Du bist die Ruh“ in einwandfreiem Deutsch anstimmte, schlug die Stimmung um. Und am Ende bebte der Saal vor Applaus. Wise hält inne und sagt: „Es reichte nicht, dass wir existieren und Großes tun. Wir mussten immer unter Beweis stellen, dass wir es wert waren, nicht ermordet zu werden.“

„Weil du mich nicht zurückgerufen hast, funktionieren meine Ohren nicht mehr, und ich bin für den Rest meines Lebens taub.“

Kulturelle Trauer und schwarzes Trauma sind weiterhin die Pfeiler der eindrucksvollen Songtexte von Serpentwithfeet, deren Poesie sich des dramatischen, übergroßen Gestus von Bibel oder Oper bedient, während zutiefst persönliche Geschichten von Sex, Tod und zurückgewiesener Romantik erzählt werden. „Es ist für mich nicht einfach: ‚Du hast mich nicht zurückgerufen‘“, erklärt Wise. „Es ist vielmehr: ‚Weil du mich nicht zurückgerufen hast, funktionieren meine Ohren nicht mehr, und ich bin für den Rest meines Lebens taub.‘“

Wise hat nicht immer so viel und so ausdrucksstark gesprochen wie heute. „Es gab Jahre, da sagte ich kaum ein Wort. Ich hörte nur zu und lernte. Ich war eine Fliege im Raum“, erinnert er sich. Es war für ihn eine Zeit tiefer Depression, unter anderem geprägt von der Unsicherheit darüber, was es bedeutet, ein schwarzer Mann zu sein. Den „Mythos vom thug“, wie er es beschreibt, entlarvte er für sich früh als rassistische Erniedrigung. Zugleich fühlte er sich „zu weich, zu weinerlich, zu fragil“. Erst die Schriftstellerin Toni Morrison und ihr Werk Solomons Lied sowie ein reger Twitter-Austausch mit Männern aus der ganzen Welt – er mündete in einem Interviewprojekt über männliche Identität mit dem aus der Not geborenen Titel Serpent With Feet – ebneten die Bühne, auf die Wise sich schließlich hinauswagte: „Solomons Lied war meine Geburt. Es war die Geburt von Serpentwithfeet als Künstler.“ Wise sieht den Namen als Symbol, welches „das wendige, freie, sich ständig im Fluss bewegende, doch ebenso geerdete Wesen des Mannes“ bezeichnen soll.

Nach einigen auf Soundcloud hochgeladenen Stücken wurde Wise im Jahr 2014 bei seinem neuen Zuhause Tri Angle Records von seinem Manager mit Bobby Krlic alias The Haxan Cloak in Kontakt gesetzt – für Wise eine perfekte Liaison. Schon seit einiger Zeit hatte er die tiefschwarzen Donnerschläge des britischen Produzenten verehrt, der 2015 an Björks Album Vulnicura mitwirkte. An dessen Sound sollte sich nun auch Wise orientieren: am Spalt zwischen ausladendem, experimentellem Pop und selbstverlorenen Streichern, verbunden durch Wises samtig weiches, wendiges Soul-Timbre. Ihr gemeinsames Werk, die Blisters EP, an der sie zwei Jahre lang arbeiteten, ist das Destillat von Wises schmerzhafter Metamorphose zu dem Wesen, das er heute mit Stolz nach außen trägt. Und auch wenn er es manchmal doch verwehrt, dieses Wesen fremden Blicken auszusetzen: Seine Stimme brennt sich ein.

 

 

Dieses Feature erschien ursprünglich in unserer Printausgabe SPEX No. 374, die weiterhin versandkostenfrei im Shop erhältlich ist.

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