Anja Plaschg hat keine Kippen mehr, aber einen Plan: überleben. Nach zehn Jahren im Sarg hat Wiens talentierteste Schweigerin Schuhe angezogen, um über From Gas To Solid / You Are My Friend zu sprechen, das dritte Album ihres Projekts Soap & Skin. Im Park. Was bleibt, wenn Österreichs letzter Pop-Mythos stirbt? Krepierende Tiergeräuschekeyboards, ein fünfteiliges survival kit und Antworten in vollständigen Sätzen.

Wien und die Welt sind ohnehin schon im Oaschlochmodus, und jetzt auch noch das: September im Türkenschanzpark. Menschen in der Übergangskrise, der Sommer ist alle, aber das Waffelhörnchen nicht. Versuche küstlicher Verlängerung: „Guck, wie toll das Licht ausschaut“, sagt irgendwer zu irgendwem. „Das Licht ist tot“, sagt Anja Franziska Plaschg zu sich selbst. „Am Ende bleibt der Herbst doch die harmloseste Jahreszeit.“

„Das Licht ist tot”: Soap & Skin (Foto: Crystin Moritz).

Nichts davon kommt unerwartet, abgesehen von der Tatsache, dass es in vollständigen Sätzen kommt. Denn das Umwandeln unerträglicher Wahrheiten in erträgliche Lügen mal beiseite gelassen, hat Plaschg die längste Zeit ihres Lebens vor allem mit einer Sache zugebracht: schweigen. Dass sie jetzt spricht, ist Resultat einer Reihe von Entscheidungen, die sie seit der Geburt der Persona Soap & Skin und dem gleichzeitigen Ableben der Person Anja Plaschg vor zehn Jahren getroffen hat. Dass sie es heute umringt von Eistüten im Klammergriff tut, ist für Österreichs talentierteste Stubenhockerin eigentlich unmöglich und kann deswegen nur eins bedeuten: Plaschg hat den Übergang geschafft. „Ich würde nicht grundsätzlich sagen, dass ich kein kommunikativer Typ bin“, meint sie und hört sich selbst beim Denken zu. „Nur zur Arbeit befragt zu werden, die für mich ja auch nie ganz zu fassen ist … Wo waren wir? Genau, also ich wollte lange gar keine Interviews geben, weil mich das einfach fertig macht. Aber jetzt habe ich beschlossen: Nein, ich tue alles. Gib’s dir!“

Das Allesgeben war eigentlich nie ein Problem. Das Problem war eher, dass Plaschg sich dabei alles nahm: erst Schlaf, dann Nahrung, dann jedes weitere Bedürfnis. Auf der Tour zu ihrem ersten Album Lovetune For Vacuum vor neun Jahren konnte man einer 18-Jährigen beim Sterben zuschauen: barfuß, bleich, die Kondolenzlilie auf dem Flügel geparkt. Für alle Fälle. „Die Frühvollendete“, schrie die Presse, während die vollkommen Unfertige einfach nur schrie. Heute kennt Plaschg die Gründe, und was noch wichtiger ist: Sie kann sie auch benennen. „Grenzen übergehen, Demütigungen zulassen, Frausein missachten“, spricht sie von eigenen Fehltritten, als spräche sie von den Verfehlungen der Menschheit. Und darüber, dass sie vieles irgendwie bereue, aber zwei Dinge so richtig: Den Calamaridarm, den sie gerade runtergeschluckt hat, und einen der wenigen vollständigen Sätze aus einem Interview im Jahr 2012, mit dem sie heute sicher das gleiche tun würde: „Ich wünschte, ich wäre ein Mann.“

„Ich brauche Natur in meinem Leben. Aber nicht die, in der man anderen Menschen begegnet.“

Sie habe damals „höllische Angst“ gehabt, sagt Plaschg zur Erklärung, um dann nicht zu erklären, wieso. Heute, sagt sie, sei die Angst weniger da – „zumindest weniger spürbar“. Vielleicht auch, weil plötzlich jemand anderes spürbarer da war. „Meine Schwangerschaft ist sicher Teil eines Erkenntnisprozesses gewesen, aber ich war insgesamt an einem Punkt, an dem ich mich psychisch und physisch entscheiden musste, ob ich weitermachen möchte“, erinnert sich Plaschg. Ihre Erinnerung an das Ergebnis dauert ein bisschen länger. Um genau zu sein: eine ganze Lavendellimonade lang. „Vor einem Jahr habe ich beschlossen, mir selbst dabei zu helfen, dem verdammten Schmerz etwas entgegenzusetzen. Aber ich habe eben auch gemerkt, dass es dafür nicht reicht, aus meiner eigenen Urkraft heraus zu schöpfen und zu komponieren. Ich musste, ich wollte auf dem Album einen Bezug zu etwas schaffen, das größer ist als ich, um mir beim Überleben zu helfen. Jede Frage, die ich mir stellte, stellte ich auch an die Welt.”

Einen Herbst und drei weniger harmlose Jahreszeiten später sind sie nun beide unüberhörbar da: der Bezug zur Welt und der verdammte Schmerz. Konkret: Frida und ihr Tiergeräuschekeyboard. Was bei den Aufnahmen des dritten Soap-&-Skin-Albums unüberhörbar nicht da war, sind Batterien. From Gas To Solid / You Are My Friend lebt maßgeblich vom Klang der totgeschmusten Plastikspielsachen seines fünfjährigen Featuregasts. „Dass dem Kinderinstrument der Saft ausgeht, war für mich eine schöne Metapher für das letzte Aufbäumen, bevor alles irgendwann den Bach runtergeht“, erzählt Plaschg. „Und zugleich hat das Ganze eine unwahrscheinliche Komik, weil es so ulkig klingt.“ Bis zu diesem Moment gab es eigentlich nur eine Sache, die noch unwahrscheinlicher war als ein Soap-&-Skin-Song, der gute Laune verbreitet: ein Soap-&-Skin-Gudelaunealbum. In Plaschgs Version von Peter und der Wolf werden nun über zehn Jahre angehäufte Trompeten-, Streicher- und Holzbauklötzchensamples dermaßen akribisch gestapelt, dass keine Gefahr für Abstürze besteht. Oder das Nachdenken darüber. Denn neben einer grenzdebilen Zwitschermaschine hat Plaschgs Tochter auch die Schlüsselzeile „I have no fear“ mitgebracht und nahm ihrer Mutter damit die Panik, die den bisherigen Soap-&-Skin-Duktus bestimmte: vorm Sprechen, vorm Sehen, vorm Sein als Frau.

„Wie Frida ihre Eindrücke formuliert, ist unglaublich und treibt mich in die Höhe. Es gibt immer wieder Momente, in denen ich nicht fassen kann, was sie gesagt hat, wie sie mir einerseits die Welt erklärt und mich andererseits zu Erklärungen herausfordert. Was antwortet man denn nur, wenn ein Kind fragt, warum es auf der Welt ist?“, meint Plaschg und braucht dafür nach wie vor eine Kippe pro Komma. Aber wer braucht die nicht, wenn es ums Artikulieren diffuser Ängste und konkreter Angsterfahrungen geht, und dann auch noch um das, was man beim Hören der Soap-&-Skin-Single „Sugarbread“ vor fünf Jahren schon befürchtete: „Missbrauch, sicherlich. Ich habe lange Zeit unter einer gewissen Blindheit gegenüber der Tatsache gelitten, wie unvergleichlich es ist, weiblich zu sein. Dann habe ich begonnen, die Beziehungen zu analysieren, in denen ich gesteckt habe, und das Ergebnis war ziemlich schockierend. Ich habe zu viel mit mir machen lassen.“

„ich wollte auf dem Album einen Bezug zu etwas schaffen, das größer ist als ich, um mir beim Überleben zu helfen”. (Foto: Crystin Moritz).

Inzwischen macht Plaschg nur noch selbst. Das Bergmassiv aus Stummeln im Ascher vor ihr mal ausgeblendet, hat sie sich nach und nach aus allen Abhängigkeitsverhältnissen befreit. Und das ging so: Reden von David Foster Wallace auf Youtube bingen, Menschen reinlassen, sich selbst raus trauen, noch ein bisschen weiter raus, Essen bestellen. In dieser Reihenfolge und in aller Ruhe.

Schritt 1: Wallace. „Seine Ansprache This Is Water, die er vor Uniabsolventen hielt, begann ganz banal mit Fischen, die sich im Wasser begegnen“, rekonstruiert Plaschg, was als Googlesuche in Verzweiflungslaune anfing und mit einer Albumproduktion in Hoffnungsspendierhosen endete. „‚Hä, welches Wasser?‘, fragen die Fische dann, weil sie das Offensichtliche nicht erkennen. Es geht darum zu lernen, was man wahrnimmt und auf welche Weise man es tut und bewertet. Das hat meinen Blick für das Außen geschärft“, bricht Plaschg runter, was sie dermaßen hoch brachte, dass daraus nicht nur der Song „(This Is) Water“ entstand, sondern auch eine weniger von Erfolg gekrönte Übersprungshandlung: die Einladung anderer Kitafamilien in Wiens morbideste Gründerzeitwohnung.

Schritt 2: Menschen reinlassen. „Ich habe den Kontakt zu anderen Eltern lange vermieden“, erinnert sich Plaschg. „Wir sind da offensichtlich komisch. Aber ich wollte mich öffnen, nicht judgen. Doch nach dem Besuch war alles anders, auch für Frida – und das bricht mir das Herz. Es gibt offenbar keinerlei Verständnis für abweichende Lebensentwürfe. In den Augen dieser Menschen tue ich nichts, während sie den ganzen Tag arbeiten. Neid ist eine Plage.“

Schritt 3: sich raustrauen. „Ich war hier noch nie, obwohl ich seit zwölf Jahren in Wien lebe“, sagt Plaschg, und was sie meint, ist weder der 18. Bezirk noch der Türkenschanzpark im 18. Bezirk noch die Meierei Diglas im Türkenschanzpark im 18. Bezirk, sondern 99 Prozent aller Wiener Bezirke, Parks und Meiereien außerhalb ihres Stadtteils Penzing. „Ich brauche Natur in meinem Leben – so generell“, sagt sie. „Aber nicht die, in der man anderen Menschen begegnet.“ Es gibt ein Stück auf ihrem neuen Album, das „Surrounded“ heißt. Seine Fertigstellung hat Plaschg zwölf Jahre gekostet, aber dass es nun fertig ist, erklärt vielleicht auch, warum sie heute in einer Umgebung totaler Unklarheit in der Lage ist, klare Gedanken zu formulieren. „Komischerweise beruhigt mich das irgendwie“, sagt Plaschg und lässt offen, ob sie das sterbende Licht in den Wipfeln der nordamerikanischen Zierbäume meint oder die anarchischen Zustände auf dem Kinderspielplatz gegenüber des Biergartens.

Ein neuer, geschärfter Blick nach Außen (Foto: Crystin Moritz).

Schritt 4: noch weiter raustrauen. Plaschgs Papa ist tot, und wie es ihr danach ging, kann man sich denken oder im Stück „Vater“ nachhören, das im Erscheinungsjahr ihres zweiten Albums Narrow Thema nahezu jedes Interviews war. Es war dasselbe Jahr, in dem Plaschg eigentlich keine Interviews geben wollte und sich in denen, die sie gab, wünschte, keine Frau zu sein. Was das mit San Remo zu tun hat, erklärt wiederum der beste, weil überraschendste Song auf From Gas To Solid / You Are My Friend: „Italy“. „Nach dem Tod meines Vaters habe ich zwei Monate dort verbracht, allein“, erzählt Plaschg. Mit „dort“ meint sie sowohl „die Illusion Italiens als kaputtes Urlaubs- und Flüchtlingsziel“ als auch „eine weibliche Kraft, eine Hommage an das Leben“, die sie diesem schön-schlimmen Trugbild entgegensetzen wollte. „Feed me / Nurse me/ Motherly / Leadme / Teachme / Searchingly / Reach me / Release me / Secretly / Awake me / Hopefully / In Italy“, singen Plaschg und ihre Melodica aus Olivenholz.

Schritt 5: Essen. Wer sich nicht vorstellen kann, woran Wilhelm Genazino denkt, wenn er in seinen Erlöserromanen für verkorkste Existenzen von „Leisigkeit“ oder „innerer melancholischer Verwilderung“ schreibt, sollte Plaschg beim Studieren einer Speisekarte zusehen und lernen. „Mir schmeckt eigentlich alles, was nicht aussieht wie hingeschissen. Überhaupt bin ich so froh, dass ich wieder essen kann“, erzählt Plaschg erst beherzt, dann betrübt, dann überhaupt nicht mehr und hebt stattdessen ihren kleinen Finger. Er ist sehr klein. „Vor einem Jahr war ich so.“ Aber jetzt wird alles nachgeholt: Rucola, Zitronenzesten, irgendwas mit Noppen.

„Mir schmeckt eigentlich alles, was nicht aussieht wie hingeschissen.“

Das Gegenteil von dem also, worauf eine kranke Welt geil ist, und damit das Gegenteil von dem, wofür das Projekt Soap & Skin in den letzten zehn Jahren stand: Fleisch am Spieß. Je nach Lesart ist Plaschg auf einem Bauern- oder auf einem Schlachthof in der Steiermark groß geworden. Sechs Tage die Woche krepierten dort Schweine im Dienste an der Menschheit. Und am siebten krepierte ein Mädchen im Dienste an Gott. „Meine Oma hat mich Hexe genannt“, erinnert sich Plaschg. „Sie meinte, dass ich in die Hölle komme, weil ich einen Würfelzucker aus ihrem Zimmer gestohlen hatte. An der Kirche habe ich damals die Erhabenheit der Messen geliebt, das Zeremonielle, die Musik. Aber von Anfang an gab es auch diesen ganzen anderen Wahnsinn: Alles war Sünde.“

Um zu begreifen, was das mit einem Menschen anstellt, muss man nicht einmal Plaschgs Version von Antigone an der Wiener Burg gesehen haben. Es reicht schon ein Klick auf ihr Instagramprofil: Messer, Valium, Selfies aus dem Jenseits. Aber nichts davon war so shocking wie das, was Plaschg nun liefert, wo der Rest des Planeten endgültig bereit wäre, sich mit ihr aus dem Fenster zu stürzen: „I see trees of green / Red roses too / I see them bloom / For me and you“, singt sie am Ende von From Gas To Solid. Und wer will noch springen nach einem Louis-Armstrong-Cover?

Soap & Skin
From Gas To Solid / You Are My Friend
(Pias / Rough Trade)