Selbstwahrnehmung? Digital ist besser

Der US-amerikanische Künstler Tony Oursler ist dem Ereignis 9/11 begegnet, in dem er am Vormittag sein Atelier verließ und mit der Videokamera durch Manhattan lief. Er wollte die Anschläge samt ihrer Folgen für sich realisieren, indem er sich von der Realität sofort gewissermaßen distanzierte. Der B …
Der US-amerikanische Künstler Tony Oursler ist dem Ereignis 9/11 begegnet, in dem er am Vormittag sein Atelier verließ und mit der Videokamera durch Manhattan lief. Er wollte die Anschläge samt ihrer Folgen für sich realisieren, indem er sich von der Realität sofort gewissermaßen distanzierte. Der Blick durch das Objektiv erschien ihm gleich als die wirklichere Sichtweise (sinnigerweise erwähnt Klaus Biesenbach, der die Berliner RAF-Ausstellung konzipierte, jene Anekdote in seinem Katalog-Text) .
Der Realitätsbegriff ist durch den 11.September in eine Krise geraten, Klaus Theweleit hat das in seinem Buch »Der Knall« sehr eindrucksvoll veranschaulicht. Während die Medieninvasion und gleichzeitige Entpolitisierung des öffentlichen Raums über die Jahre schleichend vom Alltag Besitz ergriff, wurden an diesem entscheidenen, weil unmissverständlich gewaltigen Moment die Irritationen und Brüche sichtbar, die der folgende Diskurs (noch) kaum zu bereinigen vermochte – um das zu bemerken muss man kein Philosoph sein. Gibt es überhaupt noch eine Realität? Wie funktionieren heutzutage die Wechselwirkungen zwischen Kunst und Wirklichkeit? Oliver Schwabes/Christian Beckers Film »Egoshooter« hat einen weiteren Referenzknotenpunkt der selben Verwirrung zum Namen. Wer wird sich nicht an die Diskussionen nach Littleton oder Erfurt erinnern, in denen PC-Spiele eine Täter-Rolle spielten? Der Titel spricht von Vereinzelung und deutet die Analogie zwischen dem einsamen Killer und dem Job des Filmemachers an. Vermutlich nicht zuletzt deshalb, weil Filmen (oder Games) oft genug die Schuld an realer Gewalt zugeschoben wird. Gerade so, als gäbe es keine Realität, die ihre Entstehung beinflusste.
Was wäre nun, wenn wir alle mit der Kamera in der Hand rumliefen? Anstatt Platon und Aristoteles und Marx und Hegel und Sandman zu lesen, scannt Jakob (Tom Schilling) ständig seine unmittelbare Umgebung mit dem dritten Auge. Dabei verwischen ihm oft genug die Grenzen zwischen privater, intimer und öffentlicher Sphäre, während Jakobs Aufnahmen vor allem ihn selbst zum Thema haben, was wiederum der Ebene des Materials geschuldet ist, auf der dieser Kram für einen echten Kinofilm gebraucht wird. Die Idee zu diesem Film entstand aus einer Arbeit heraus, die Oliver Schwabe und sein Kompagnon bei Field Recordings Christian Becker 1998 für den NDR initiierten. Die Erfahrungen damit, Jugendliche jeweils über den Zeitraum eines Jahres ein Videotagebuch erstellen zu lassen, haben sie mit ins nächste Level genommen. Hier sammelt Jakob keine Punkte. Er schießt und schießt und schießt und schießt – zu gewinnen scheint es für ihn nichts mehr zu geben.

Alles im Arsch?

Die formalen Aspekte des Films überlagern das, was man im Volksmund gerne Handlung nennt. Davon also handelt »Egoshooter«. In Anbetracht dessen, dass ein Film, der Hoffnungs- und Trostlosigkeit thematisiert, schnell selbst hoffnungs- und trostlos rüberkommen kann, sind doch einige schöne Einfälle ins Konzept verwoben worden, die einem auch die banalen Szenen, die sicher vorhanden sind, noch ein wenig spannender gestalten.
Warum eigentlich taucht auf einmal Nikki Sudden auf? Das Irreale seines Erscheinens scheint versinnbildlichen zu wollen, dass einem Traum mit Trick- und Schnitttechniken manchmal besser beizukommen ist als dem, was wir gemeinhin Realität nannten. Träume aber verweisen ebenso wie Kunstwerke auf die Wirklichkeit. Damit setzt Schwabes und Beckers Film sich einerseits grundsätzlich, andererseits stellenweise gelungener mit sich selbst (und der Welt) auseinander als andere Produktionen mit ihrem jeweiligen Thema, dass in D-Land oft genug »Geschichtsklitterung« heißt und Preise verspricht. Hauptsache, keiner macht das Porträt einer jilted oder lost oder sonstwie gebrandmarkten Generation daraus.

»Egoshooter«, D 2004, 79 Minuten, Buch und Regie: Christian Becker und Oliver Schwabe (Field Recordings), Kamera: Oliver Schwabe und Tom Schilling, Darsteller: Tom Schilling, Max Timm, Camilla Rentschke, Nikki Sudden u.a., Musik: Mad Maxamom, Nikki Sudden, The Oliver Twist Band u.a. Kinostart: 24. Februar 2005

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.