Secret Mommy

Andy Dixon, Musiker, Maler, Zeichner und exzellenter Grafikdesigner als The Chemistry Designs, hatte vor zwei Jahren eine Idee: Er wollte ein Album mit Musik aufnehmen, der es verboten sein sollte, sich elektrisch verstärkter und elektronisch gesteuerter, synthetischer Instrumente zu bedienen, die aber dennoch elektronisch klingen musste. Keine E-Gitarren, keine Keyboards, keine Schlagzeugcomputer: Anti-Elekronika-Elektronika wollte er veröffentlichen. Und so muss gleich am Anfang der Beschäftigung mit Dixons aktueller Musik auf den anderen, populäreren Elektronika-Konzeptmusiker dieser Tage verwiesen werden, auf Matthew Herbert, der wie Dixon erst nachdenkt und dann musiziert. Mit Herbert hat Dixon auch gemeinsam, dass er seine und fremde Musik mittlerweile auf einem eigenen Label veröffentlicht: Ache hat bis dato über 30 musikalisch breit gefächerte Veröffentlichungen im Katalog, die erfolgreichste bisher sicher die von Death Above 1979. Seine eigene Veröffentlichung »Plays« unter dem Projektnamen Secret Mommy ist eine der besten. Musiziert hat Secret Mommy mit Musikern seiner Heimatstadt Vancouver, Kanada. Sie trafen sich im Studio, spielten in ausufernden Aufnahmerunden vor sich hin, improvisierten frei zu von Dixon vorher komponierten Kleinstmotiven, und ähnlich der Montage eines Kinofilms setzte sich Dixon danach an seinen Computer, um das Material, diese Phantomlieder, zu sichten, zu reduzieren, Handlungsstränge herauszuarbeiten, das Aufgenommene in neue Lieder ein- und aufzuteilen, Klänge zu kopieren und zu versetzen, Überflüssiges zu  löschen.

Auf »Plays« lässt Dixon die restriktiven, harschen, digital manipulierten Musique-concrète-Experimente seiner vergangenen Alben hinter sich: Keine Field Recordings von tropischen Stränden und Ananasplantagen (»Hawaii 5.0«) mehr, keine Tonaufnahmen auf Tennisplätzen, in Fitnessstudios oder Schwimmbädern (»Very Rec«), auch kein Sample-Gewitter aus Pink, Mary J. Blige, Elefanten, Shania Twain, Fröschen und Schweinen (»Mammal Class«). Und trotz oder gerade wegen der eingangs erwähnten Vorsätze stellt sich nun bei Secret Mommy auf »Plays« die große musikalische Freiheit ein. Das Album stellt Lieder aus, die sich nicht an gängige Strophe-Refrain-Strophe-Refrain-Bridge-Refrain-Regeln des Pops halten und dennoch klar wiedererkennbare und zuordbare Blöcke beinhalten, die diese abstrakte Collagen aus Gitarren, Streichern, Holz- und Blechbläsern sowie Schlaginstrumenten zu einem nachvollziehbaren Ganzen werden lassen.

Das Ergebnis ist ein organisches Werk, das trotz seiner Heerscharen aus Klängen unterschiedlichster Herkunft erstaunlich einfach zu hören ist, das schönste Future-Glitch-Pop-Album dieser Tage, das auch die bisherigen Champions The Books, Matmos und Akufen eindeutig an Güte übertrifft. Die Schönheit und überwältigende Energie der Musik entsteht in großem Maße durch die eingesetzten Instrumente und Stimmen. Auf »Kool Aid River« schreit sich ein Sänger um den Verstand und Dixon legt dazu eine fröhlich-energische Akustik-Gitarre und den omnipräsenten Kontrabass, in Verbindung mit dem selbst angefertigten Video, das sich auf der CD findet, in dem einige von Dixons exquisiten Illustrationen zu beschauen sind, einer der Höhepunkte des Albums. Der zweite große Wurf, »Grand About The Mouth«, beginnt mit einer synkopierten Ukulele, nach wenigen Sekunden wird ad libitum eine Frauenstimme dazugesetzt, und in Sekunde 21 tritt ein Tenor-Saxophon auf, das zusammen mit einem sub-basslastigen Breakbeat das Lied bis zum Ende tragen wird. Der Kontrabass spielt eine Motown-Basslinie, fertig ist der Hit. Dixon macht nie den Fehler, wie so viele seiner Kollegen, die Stücke über die Fünf-Minuten-Grenze mäandern und letztlich damit ins Leere laufen zu lassen, meistens ist nach drei Minuten und dreißig Sekunden Schluss: Pop. Pop der Zukunft aus einem Land, dessen frische musikalische Entwürfe seit einigen Jahren scheinbar nicht versiegen. Desweiteren Ausschau halten sollte man nach Dixons Gitarre-Schlagzeug-Klavier-Gesang-Bandprojekt Winning. Wenn das ähnlich gut ist wie »Plays«, hielten wir hier also auch noch das beste Rock-Album dieser Tage in den Händen. Fürs erste reicht »Plays« aber völlig aus.

LABEL: Ache Records

VERTRIEB: A-Musik / X-Mist

VÖ: 30.04.2007

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