Ich möchte existieren

Mit seinem im vergangenen Jahr erschienenen Album »Sexuality« erfand sich der Franzose Sébastien Tellier nochmals neu: thematisierte er früher die Familie oder die Politik, so erforscht er heute seine Sexualität. Im Interview spricht Tellier über die Aufnahmen mit Daft Punks Guy-Manuel de Homem-Christo und dem früheren Porno-Soundtrack-Produzenten Eric Chédeville, über Identität, Intimität, das gute Leben und die Faszination der Zigarette.

Sébastien Tellier
»Man merkt mir das vielleicht nicht an, aber ich bin auf der Bühne schrecklich schüchtern! Also baue mir eine Fassade des Scheins auf. Die Zigarette lässt mich – wie die Sonnenbrille, mein langes Haar und der Bart – vor Publikum stärker erscheinen als ich tatsächlich bin.« (Sébastien Tellier)

(Foto: CC La Pola / Flickr)

Monsieur Tellier, wie empfinden Sie als Raucher das heutige gesellschaftliche Klima?
    Es ist schrecklich! Aber ich habe ein Lösung für dieses Problem gefunden. Es ist eine elektronische Zigarette, eine »Cigarteque«! Sie besteht aus Plastik, verfügt über einen Glutpunkt und funktioniert ohne Tabak. Sobald man an ihr zieht, beginnt sie zu dampfen – mit Wasserdampf. Gleichzeitig nimmt man aber Nikotin aus einer integrierten Kartusche auf. Damit sitze ich also im Restaurant – und rauche.

Ist es nicht bizarr, auf eine elektronische Rauchhilfe angewiesen zu sein?

    Absolut! Es ist wundervoll! Ich liebe diese Idee! Manchmal rauche ich sie auch im Flugzeug. Die Situationen, die sich daraus ergeben, sind immer gleich faszinierend: die Menschen um mich herum regen sich sofort darüber auf, sie begreifen das Prinzip nicht. In Frankreich beginnt sich dies mittlerweile durchzusetzen, auch alle meine Freunde besitzen eine »Cigarteque«.

Sie selbst scheinen das Rauchen zu zelebrieren. Während Ihres letzten Konzerts in Berlin wechselten Sie die Zigarette so selbstverständlich wie das Mikrofon …
    Man mag mir das vielleicht nicht anmerken, aber ich bin auf der Bühne schrecklich schüchtern! Also versuche ich mich ganz entspannt zu geben, baue mir eine Fassade des Scheins auf. In meinem Inneren habe ich aber Angst vor der Situation. Die Zigarette lässt mich also – wie die Sonnenbrille, mein langes Haar und der Bart – vor Publikum stärker erscheinen als ich tatsächlich bin. Ich muss ständig etwas mit meinen Händen tun.

Das scheint ausgezeichnet zu funktionieren. Aus der Perspektive des Zuschauers wirken Sie äußerst selbstsicher und: cool!
    Und das ist der springende Punkt meiner Arbeit: der Anschein von Gemütlichkeit, von Gelassenheit, von Coolness. Tatsächlich betrachte ich mich aber gar nicht als cool. (lacht) Wenn man beispielsweise Prince sich auf der Bühne bewegen sieht, dann wirkt er wie der König der Performance. Ich vermute dennoch, dass Prince ebenso großes Lampenfieber verspürt wie ich auch. Oder Elvis Presley: cool auf der Bühne, Backstage ein nervliches Wrack.

Wie stellte sich dann Ihr Auftritt während des letztjährigen Eurovisons-Festival dar? Ohne die Band auf dieser gewaltigen Bühne im Rücken zu wissen. Oder rauchen zu können …
    Es war zur Hälfte fantastisch, auf der anderen Seite aber äußerst beschissen. Die Musik, die während der Eurovision gespielt wird, ist absoluter Müll. Meine persönlichen Erfahrungen waren aber äußerst positiv: Belgrad hat viele hübsche Frauen, auch diese Konzerthalle war sehr eindrucksvoll, nur war ich vor Angst erfüllt. Ich sehe das so: der Eurovision ist wie eine große Sonne, die viel Licht auf meine Arbeit wirft. Das ist mir sehr wichtig: meine Musik benötigt Licht, damit ich mich als Künstler verstehe. Gleichzeitig muss ich eine gewisse Distanz zwischen mir und dieser Sonne wahren. Ich will ja schließlich nicht verbrennen.

Verstehen Sie sich selbst als Entertainer?
    Ein kompletter Künstler, ein Entertainer ist jemand wie Charlie Chaplin. Man erschafft etwas Banales, das anders betrachtet viel Tiefe besitzt. Tiefe allein langweilt mich irgendwann. Aber auch das Gegenteil, das überdrehte, humoristische, verbraucht sich bald. Ich versuche also meine Balance zu finden, wenn ich an meiner Musik arbeite. Mein letztes Album »Universe« war eine rein intellektuell geprägte Platte. Das war gut so, diese Welt wurde mir aber zu klein. Ich möchte beliebt sein, ausbalanciert. Ich bin ein Kind des LSDs – nimmt man es ein, wird alles gleich. Alles ist Eins. Eigentlich suche ich die Mitte von Intellektualität und Albernheit.

Kein offizielles Musikvideo, aber doch eine faszinierende Montage: Sébastien Telliers »Manty« zu den hypnotisch langsamen Bewegungen eines Boxkampfes.

VIDEO: Sébastien Tellier – Manty
Montage: Paul Arto

Man darf Ihr neues Album »Sexuality« also als Neuerfindung Ihrer selbst bezeichnen …
    Absolut! Früher machte ich in erster Linie Musik, um mich selbst daran zu erfreuen: »Aaah, dieser Song ist so wundervoll …« Dabei war ich fast ganz alleine mit dieser Musik, von der ich mir sagte, wie wundervoll sie ist. Heute möchte ich dem Hörer Freude bereiten. Ich möchte im echten Leben leben, ausgehen, von der Welt kosten. Ich habe es begriffen: der Musiker ist nicht der König, er ist der Sklave des Publikums. Das Publikum verschafft dem Künstler erst seine Existenzberechtigung.  Ich suche nach einem Ort voller Liebe. Ich möchte existieren!

Das klingt mehr nach dem »Bonvivant«, dem Playboy.
    Leider stimmt das nicht. Die Franzosen sind keine guten Liebhaber …

Um bei den Klischees zu bleiben: das sagt man den Italienern nach …
    Das mag stimmen, denn sie sind tatsächlich fantastische Liebhaber. Aber es geht ja auch weiter: essen, trinken, das ist auch alles das schöne Leben. In Frankreich entwickelt sich das gerade zur Mode: gut und teuer zu essen gönnt man sich des öfteren, wobei das französische Essen – jedenfalls in Paris – größtenteils Mist ist. Das Bild des schönen, feingeistigen, romantischen Frankreichs ist also ein völlig falsches, aber eines stimmt: Franzosen sind stolz, und darüber vergessen sie manchmal die restliche Welt. Ich persönlich mag Klischees, auch wenn sie schwer zu treffen sind. Eine Frage der Perfektion.

Dient Ihnen deshalb ein besonders starkes Klischee, das der Sexualität, als Oberbegriff für ihr Album?
    Nun, ich bin stets auf der Suche nach einem Motiv. Ich komme mir oft wie eine Puppe vor, etwas das ich auch an meinen Mitmenschen beobachte. Also versuche ich den Puppenspieler zu identifizieren. Zu Beginn meiner Karriere war es die Familie, später folgte die Politik. Dabei beherrscht uns die Sexualität noch viel stärker.

Sie meinen damit auch die Pornografie? »Sexuality« klingt nach Sexfilmen der siebziger und achtziger Jahre …
    Das war weniger Inspiration oder Einfluss, sondern eine Tatsache. Natürlich kennt jeder meinen Produzenten, Guy-Manuel de Homem-Christo von Daft Punk. Mein Co-Produzent Eric Chédeville allerdings hat alle großen französischen Pornofilme vertont, er arbeitete lange für Marc Dorcel. Alle Stücke von »Sexuality« entstanden also in Zusammenarbeit mit der treibenden Kraft der pornografischen Musik. Es handelt sich nicht um eine Imitation von Sexualität, des »Kontakts«. Es war ein echter Kontakt.

Im Sexfilm – ob im Soft- oder Hardcore-Film – hat die Musik normalerweise einen funktionalen Charakter: sie existiert um der Situation willens. In Ihrem Fall müssen die Bilder zusätzlich erschaffen werden.
    Das ist mir sehr wichtig. Um ein großer Schreiber so wie Kant zu werden, muss man beginnen zu schreiben, endet aber meistens bei der Imitation von Kant. Um etwas Neues, mitleiderregendes zu erschaffen lag es daher nahe, sich einem erbärmlichen Genre zuzuwenden: der Musik des Pornofilms. Nur dadurch lässt sich innovativ arbeiten: man wählt ein Arbeitsgebiet, an dem sich bisher wenige ernsthaft ausprobierten, und entwickelt davon ausgehend seine eigenen Ideen.

Wie stellte sich die Arbeit mit Chédeville dar?
    Ich bin ein wirklich schlechter Produzent, daher bin ich auf Leute wie Eric und Guy-Man angewiesen. Ich kann gute Stücke schreiben, aber ich kann sie nicht selbst zum Klingen bringen. Eric konzentrierte sich sehr auf die analogen Synthesizer, Guy-Man auf das gesamte Schlagzeugspiel.

Sébastien Tellier
»Alle Stücke von ›Sexuality‹ entstanden in Zusammenarbeit mit der treibenden Kraft der pornografischen Musik. Es handelt sich nicht um eine Imitation von Sexualität, des ›Kontakts‹. Es war ein echter Kontakt.« (Sébastien Tellier)

(Foto: CC La Pola / Flickr)

Was war dann Ihre Aufgabe während des Studioaufenthalts?
    Nun, ich saß da zwischen den Computern und Synthesizern und sah den beiden verloren bei der Arbeit zu. Natürlich habe ich zuvor alle Stücke geschrieben. Als es aber an die Aufnahmen ging, hatte ich Pause. Ich fühlte mich wie in einem Rolls Royce – Guy-Man und Eric auf den Fahrersitzen, und ich flegelte auf der Rückbank herum, die Richtung dirigierend.

Bei geschlossener Trennscheibe?
    Nein, nein, die war schon offen… (lacht)

Lassen sie uns über Intimität sprechen: abgesehen von Ihrem Gesang hört man auf »Sexuality« auch oft die Stimme Ihrer Freundin, in Form lasziven Stöhnens.
    Zu der Zeit war ich heftig in meine Freundin verliebt, das war auch der Ausgangspunkt des Albums. »Sexuality« war also auch eine Art Rendevouz mit einer neuen Liebe. So ist das eben: man hat ständig Sex. Bei meiner Freundin war das sogar noch extremer: sie liebt Sex wohl mehr als mich, für sie waren die Studioaufnahmen, das Gestöhne vor dem Mikrofon mit aufgezogenen Kopfhörern, noch wesentlich aufregender. Man muss wissen: sie ist auch eine begnadete Schauspielerin, deshalb wird man als Hörer nicht erfahren, welche der Töne echt und welche lediglich gestellt sind. Bei aller Offenheit gegenüber der Welt ist es doch auch schön, sich ein paar Geheimnisse bewahren zu können, nicht?!

    Aber: ich habe ein Problem mit meiner persönlichen, körperlichen Nacktheit. Gleichzeitig trage ich aber einen nackten Geist in mir, ein exhibitionistisches Ich. Deshalb habe ich kein Problem damit, über Sex zu sprechen oder zu singen, meine Freundin zu zeigen und meine Sexualität zu präsentieren. In einen Stripclub bekommt man mich dennoch nicht rein …

In David Cronenbergs Film »Spider« heißt es, »je weniger Mann es gibt, desto mehr Kleidung ist nötig«. Sehen Sie da eine Parallele?
    Weniger auf mich selbst bezogen, aber mit Blick auf meine Musik. Ich versuche Musik wie einen Film zu gestalten. Einen guten Film zeichnet es wiederum aus, wenn er zu Musik wird, sehr poetisch und emotional ist. Das verbinde ich mit »Spider« …

Sexualität ist fest in unseren Alltag integriert: ob im Fernsehen, auf Werbetafeln, in der Popmusik, dem Internet – Sex oder Sexualität ist stets verfügbar. Wie stellt sich das in Frankreich dar?
    Genauso. Das Fernsehen, auf den Straßen, jeder spricht darüber, aber stets mit der falschen Botschaft. Der starke, reiche und gutaussehende Mann erobert schließlich die Frau. Meine Botschaft an mich selbst war immer: um ein guter Liebhaber zu sein, musst du erst einmal ein guter Mensch sein. Zärtlichkeit und Liebe sind zentrale Bestandteile des Albums. »Sexuality« betrachte ich daher auch als meine eigene Form der Sexualerziehung.

Am 23. Februar erscheint die neue EP »Kilometer« von Sébastien Tellier (Record Makers / Alive) mit Remixen von A-Trak, Arpanet und Aeroplane. Am Donnerstag, 29. Januar spielt Tellier ein kostenloses Konzert im Berliner COMA – Centre for Opinions in Music and Art.

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