Sean Nicholas Savages neues Album Other Life

Sean Nicholas Savage
SEAN NICHOLAS SAVAGE

OTHER LIFE
ARBUTUS / ROUGH TRADE – 24.05.2013

Vorsprung durch Sax. Während hierzulande das Einsickern von Post-Empire und -Ironie auch leidige, eigentlich eben erst stillgelegte Authentizitätsbegriffe wiederbelebte, etwa gerade bei der Rezeption von Dagobert, ist man in Kanada ein Stück weiter. Vor zwei Jahren veröffentlichte die Band Destroyer dort das käsig-schmalzige Synthie-Softrock-Epos Kaputt, das obendrein noch die Rückkehr des Saxofons in den Pop einleitete. Und auch im Song »She Looks Like You«, Opener des neuen Albums von Landsmann Sean Nicholas Savage, hat der goldene Metallrüssel einen prominenten Auftritt. Dazu klimpert der Keyboardbass beste 80er-Jahre-Daily-Soap-Intromusik, und hundert rosa Sonnen legen sich schlafen.
   Die blaue Stunde, das visuelle Motiv der Platte, schlägt, und Savages viel zu dünne Stimme setzt in viel zu hohen Tonlagen zu einer phantomschmerzenden Abschiedsode über die allgemeine Entfremdung und die romantische im Besonderen an. Das Lied ist ein Härtetest für Geschmäckler. Doch wer diese Aufnahmeprüfung besteht und alte Denk- und Fühlkorsette ablegt, dem eröffnet sich anschließend eine der besten und außergewöhnlichsten Songwriter-Platten der Saison. Das haben Sie sich dann verdient – und Sean Nicholas Savage sowieso.
   Der Sänger entstammt dem Montrealer Projekt Lab Synthèse, einem »Freiraum« im Berliner-Kulturdebatten-Deutsch. Beim Label Arbutus (Grimes, Tonstartssbandht, Doldrums) ist er von Anfang an dabei, auf seinen zahlreichen Alben wurde die Musik zunehmend elektronischer, sein Gesang immer höher. Fast immer ging es dabei um Liebe, um die unglückliche, zerbrochene, vereinsamende. Auch auf Other Life richten sich fast alle Songs an eine Abwesende, die ihr Glück bei einem anderen sucht. Ein Umstand, den das alleingelassene Ich nicht so recht verdauen will. Vielmehr befindet es sich in der mehr oder weniger tödlichen Endstufe der Selbstaufgabe, an der Grenze zwischen Flehen und Verrücktwerden. Was alle Formeln von der Balance des Eros – wer will denn Liebe aus Mitleid? – ignoriert, spricht jedoch eine unvergleichlich feinsinnige Sprache. Manchmal wird es zwar zu arg – Stalking-Unbehagen macht sich etwa breit, wenn Savage »Hey girl it’s me! The one who wants to give everything« flüstert –, doch die beschwingt-fröhliche B-Musik dazu befolgt alle Regeln des Pop, indem sie sie gewissenhaft bricht.
   Allerdings: Das Subjekt weiß um seine Teilschuld an der Situation, die immer wieder durchscheinende Selbstreflexion mündet schließlich im satten »It’s Real«, halb generische Paellarestaurant-Beschallungsmusik, halb in Auflösung begriffene Moritat mit Savages bestem, weil bildschönstem Text überhaupt. Hier fällt er ganz auf sich selbst zurück, um uns anschließend mit dem versöhnlichen »Chin Chin« vom Vorgängeralbum Flamingo in den grauenden Morgen zu verabschieden.

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