Sean Nicholas Savage »Other Death« / Review

Blubbernde Eighties-Keyboards, jaulend-näselnde Stimme, bedeutungsschwanger profane Zeilen – der erste Gedanke: Meint der das ernst?

Es zuckt und kribbelt in den Mundwinkeln. Die Gesichtsmuskulatur will, nein, sie muss sich zu einer sarkastischen Grimasse verkrampfen. Man sieht damit vielleicht nicht so hübsch geschniegelt aus wie Sean Nicholas Savage auf dem Cover seines neuen Albums, aber beim Hören desselben bleibt einem nicht viel anderes übrig. Also gibt man dem nihilistischen, ironischen Giftzwerg in sich nach und zieht eine hässliche Schnute. Der erste Gedanke: Meint der das ernst? Diese blubbernden Eighties-Keyboardklänge, die nach Kuschelrock-Compilation klingen? Diese jaulend-näselnde Stimme, die bedeutungsschwanger profane Zeilen ins Mikrofon haucht und dabei vor lauter Gefühlsüberschwang zittert wie ein magersüchtiges Mädchen? Und diese Streicher, die natürlich keine echten sind, sondern per Knöpfchen auf dem E-Piano ständig zugeschaltet werden?

Ganz in Ordnung ist der zweite Song »Propaganda«, der mit einer Mac-DeMarco-Gitarre und dem Refrain »I’m a freak / Wild and free / I am not a country / I’m a freak / Wild and free / Propaganda / You can’t have me« nett vor sich hin plätschert. Überraschend ist auch »Delta Fresh N Breezy«, weil es mit ein paar ungewöhnlichen und trotzdem eingängigen Akkorden aufwartet, sogar Moll ist darunter. Dann geht’s aber auch schon weiter mit Glitter-Softporno-Ästhetik und murmelnden Orgeln, Synthie-Sounds und Kopfstimmensirene. In den guten Momenten haben das Album und das Tremolo in Savages Gesang etwas von Michael Jackson. In den schlechten ist es ziemlich käsige und belanglose Musik, die einer musiktechnisch zumindest fragwürdigen Zeit nachhängt. Auch nicht sonderlich hilfreich für ein Erweckungserlebnis sind Songs wie »Why I Love You«, in dem zu Beginn im Sprechgesang von »Trying leaving / Leaving trying« erzählt wird, während der sprechsingende Erzähler dabei fast einzuschlafen scheint.

Auf der Bühne zeigt sich der aus Montreal stammende 29-jährige Wahlberliner Savage bevorzugt in Unterhemd und zu weiter Anzughose und wirft sich beim Singen gerne auf den Boden. Irgendwie auch wieder schlüssig: der Romeo mit Schnurrbart und Unterhemd. Mit dem Weichspüler-Synthie-Funk von Other Death läutet Savage das postironische Zeitalter ein. Aber will man in dem denn leben? In Zeiten von Dagobert und Wanda könnte man natürlich mit Recht einwenden, die große Ära der Schnulze sei zurück. Lang lebe die Schnulze! Wer dieser Idee etwas abgewinnen kann, dessen Gesichtshaut wird definitiv länger straff bleiben. Allen anderen sei dieses Album nicht empfohlen. Es sei denn, der innere Giftzwerg möchte mal wieder so richtig abhaten.

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