The Calcination of Scout Niblett

Scout Niblett The Calcination of Scout Niblett Pop-Briefing Spex #324    LUTZ: Die in den USA lebende Engländerin Emma Louise »Scout« Niblett bringt ihr fünftes Album »The Calcination of Scout Niblett« zur richtigen Jahreszeit, denn es handelt sich um ›Herbstmusik‹. Karg und kalt muten die elf neuen Songs an, reduziert bis aufs Mark. Man könnte die wenigen Töne dieser Platte ohne Probleme zählen wie die vereinzelten Blätter, die vor Wintereinbruch noch an den Bäumen hängen. Ihr dekonstruierter Grunge besteht aus punktuierten Saitenanschlägen und abgebremsten Mini-Feedbacks, ab und zu schmettert sie ein eruptives Rock-Riff zwischen ihre scharfkantig vorgetragenen Klagegesänge. Da das aber nun nichts Neues mehr ist, geht dem Album das Überraschungsmoment ab. Man rechnet inzwischen schon damit, dass – innerhalb der vorgegebenen Klangästhetik – ein einziger ihrer Songs alle Ausdrucksformen ausreizt, die eine nackte Frauenstimme, eine schlampig gestimmte Gitarre und ein Aushilfs-Drummer hergeben. Wie dessen Vorgänger, das zu großen Teilen mit Bonnie »Prince« Billy eingespielte »This Fool Can Die Now«, klingt »The Calcination of Scout Niblett« fordernd, kurios und bizarr, entwickelt dabei aber auf seltsame Weise Catchiness. Roh, live, pur und direkt kommt die Musik, fiebrig, intelligent und auch ein bisschen irre. Nur die versteckten Kicks funktionieren eben nicht mehr als solche – oder nur für Hörer, die mit diesem Album in das autistische Klanguniversum Nibletts einsteigen. Vielleicht sollte sie ihr nächstes Album mit Bandbesetzung aufnehmen und versuchen, dabei mehr als nur drei Spuren zu koordinieren. Bei aller Konsequenz, mit der sie auf »The Calcination of Scout Niblett« an die Trauerarbeit ging: Ihr bestes Werk bleibt »Kidnapped by Neptune«.

    DAX: ›Calcination‹ wird vom LEO-Internet-Wörterbuch übersetzt als »Austreiben von flüchtigen Substanzen durch Erhitzen«.

    HÜBENER: Das ist alles richtig, doch kann man sich des Gefühls nicht erwehren, dass Niblett hier auf eine dann doch sehr durchschaubare Weise das Weidwund-Gebrochene und das Neurotische nur ausstellt. Die ganze Fragilität, das durch die gewollt kunstlose Instrumentierung zur Schau gestellte pseudokaputte Sensibeltum und all diese Wastedness schmecken nach Masche. Nach der höheren Tochter, die gern mal fürs Foto ein bisschen nach Heroinabhängigkeit aussehen will. Beweisen lässt sich das natürlich nicht. Aber warum hatte man diesen Eindruck von Gewolltheit bei PJ Harvey zu keinem Zeitpunkt, seit sie Anfang der neunziger Jahre ganz ähnlich skelettierte Stücke mit dem Charme des Unveredelten aufnahm? Jedes Stück transportiert qua Instrumentierung den Subtext: »Ich bin eine ganz schwierige Künstlerin, mein Fühlen ist supertief, das lässt sich mit dieser Fabrikware des herkömmlichen Fühlens nun wirklich nicht vergleichen.« Vielleicht drückt sich darin eine Angst vorm Sich-banal-Finden aus. Der Vorwurf würde hier also lauten: Das klingt unauthentisch. Nun ist das Konzept der Authentizität zwar nicht unbedingt ein relevantes. Bei einer Sängerin, die es auf Bekenntnishaftigkeit und Authentischsein anlegt, allerdings schon.

    KRÄMER: Vielleicht hatte PJ Harvey auch nur das Glück, vor Scout Niblett die Bühne zu betreten? Es gibt Momente, in denen verkünstelte Formulierungen auf eine Angst vorm Sich-banal-Finden deuten. Über die Albumstrecke aber sind die Songs nicht von Kunstanstrengung geprägt, sondern finden in ihrer ganzen Rohheit einen durchscheinenden, harmonischen Ausdruck: Die Worte entsprechen der Musik, beides bedingt einander, nie entsteht der Eindruck, dass Niblett einem von außen an sie herangetragenen Überbau gerecht werden will.

 

STREAM: Scout Niblett – The Calcination of Scout Niblett

LABEL: Drag City | VERTRIEB: NTT / Indigo | : 15.01.2010

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