Scott Xylo „Find Us When You Get There“ / Review

Find Us When You Get There von Scott Xylo kommt mit kalifornischer waviness daher – und aus Mittelengland. Gibt’s nicht? Doch.

Gab es diesen Musikertypus eigentlich schon im prädigitalen Zeitalter? Künstler_innen also, die Genres nicht als tradierte Kategorien wahrnehmen? Sondern Popkultur als großen Kuchen betrachten und sich unbekümmert die Rosinen rauspicken? Klar, Sampling gibt’s schon ewig, aber die Art, wie der 23-jährige Scott Xylo aus Leicester seine Einflüsse kanalisiert, geht darüber hinaus.

Aufsaugen, reflektieren, ausspeien.

Ein Beispiel: Xylo liebt Rush und Yes. Hört man seiner Musik nicht an, keine Sorge. Was er von den Prog-Rockern jedoch übernimmt, ist die Liebe zum Konzeptalbum. Seine beiden EPs 2003 / Hero Scott und Scott Pilgrim von 2014 sind jeweils monothematische Huldigungen: der Anime-Serien bei Toonami und der Sounds alter Spielkonsolen. Der erste rote Faden, der sich durch seine frühen Mixtapes zieht: Unquantisierte Beats – J Dilla lässt grüßen – und der ausufernde Einsatz von Samples, wobei sich Xylo in diesem Fall auf Madlib und Tarantino beruft. Der zweite? Eine kulturelle Praxis, die, wie Xylos Musik eindrucksvoll zeigt, ohne Glasfaseranschluss in dieser Selbstverständlichkeit unmöglich gewesen wäre: Aufsaugen, reflektieren, ausspeien.

Algorithmische Empfehlungen auf Youtube waren es demnach auch, die Xylos aktuelles Faible für Jazz-Fusion, Funk und psychedelische Musik nährten. Diese Einflüsse lässt er auf den acht verrauschten und verrauchten Tracks seines Debüts Find Us When You Get There aufeinanderprallen. Tracks, in denen verstolperte Hip-Hop- und House-Beats auf Free-Jazz-Phrasen, Funkadelic-Bassläufe, mäandernde Gitarrensoli und verhallten Soul-Gesang ineinandergreifen. Wer dabei an die von Flying Lotus angeführte L.A.-Beat-Szene um 2009 denkt, liegt nicht falsch. Der Knackpunkt: Diese hazy Musik kommt nicht aus Kalifornien, sondern aus einer grauen Industriestadt in Mittelengland. Und genau darin liegt der Reiz dieser Platte: Ähnlich wie der große britisch-indische Produzent Biddu Appaiah in den Siebzigern seine eigene, durch die transatlantische Distanz entrückte Form von Disco kreierte, ist Xylo mit der Art, wie er Versatzstücke afroamerikanischer Musiktradition in der Diaspora neu zusammensetzt, ein beeindruckend idiosynkratisches Werk gelungen.

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