Scott Walker: 30th Century Man

WalkerMikro1Die lang ersehnte Doku »Scott Walker: 30th Century Man« zeichnet gleich in ihren ersten Minuten einen Vergleich von Unterwelt-Sänger Orpheus und Scott Walker auf, und ihr erstes Problem ist, dass sie ihre pathetisch aufgeworfene Frage – was hat Orpheus Walker in der Unterwelt erlebt? – entweder selbst vergessen hat oder mit Hilfe standardisierter Muckerfilmemuster beantworten wollte. Das Ergebnis ist dasselbe. Was hilft es, die üblichsten aller Verdächtigen (von Radiohead minus Thom Yorke bis hin zu Sting) vor der Kamera Walkers Musik hören zu lassen? Auch David Bowie verkneift sich hier nicht die Floskel »Who knows anything about Scott Walker?«. Da lacht the man who paid the film (zumindest wird Bowie als ›Excecutive Producer‹ geführt) sein breites Lachen und man darf »30th Century Man« wohl als Bowies Fangeschenk betrachten, dessen Verpacker/Regisseur Stephen Kijak schon mit seiner Kinofreakdoku »Cinemania« mehr Interesse an der Wirkung von Kunst auf andere bezeugte, als an der Kunst oder gar dem Künstler selbst.

    Was das zweite Problem des Films wäre: Wieder einmal nähert sich jemand einem Geheimnis, indem er möglichst viele Menschen dazu befragt. Dabei sind die großen Momente jene, in dem der »30th Century Man« für sich selbst spricht. Als Teen-Idol auf dem Höhepunkt seiner Karriere: Backstage, mit Sonnenbrille und Bier, etwas abseits an die Heizung gelehnt, murmelt er, er wolle nichts, außer seine Musik aufzunehmen. Fertig. Viel mehr sagt er auch als gealterter Interviewpartner nicht. Die persönlichste Anekdote ist noch die vom deutschen Playboy-Model, das ihn eine Nacht lang in die Musik von Jacques Brel einführte – (Eine Metapher? Eher nicht). Er sitzt da, am Rand der Sessions zu »The Drift«, im Halbprofil von schräg oben gefilmt, glänzendes Gesicht, kaum Augenbrauen, platter dunkler Haarfleck auf dem Kopf – so sieht ein Travestie-Show-Star nach dem Abschminken aus. Und er lacht über jene Schweinelende, die er seinem Percussionisten Alasdair Malloy als Schlaginstrument vorwerfen ließ.

    Wenn er die ganze Zeit in der Stimmung gewesen wäre, die das Album transportiert, wäre die Arbeit für ihn unerträglich gewesen. Und man registriert erleichtert: Orpheus hat Humor. Von allen weiteren Gesichtern lässt nur Angela Morley wirklich wach werden, die 1924 geborene schillernde Arrangeuse etlicher Scott-Walker-Epen und Film-Scores (von »Peeping Tom« bis »Kevin allein zu Haus«). Sie schweigt vor allem, lauscht mit unsentimentaler Konzentration »Montague Terrace«. Von ihr hätte man gerne mehr gehört, noch lieber gar einen eigenen Film über sie gesehen. Wünschenswert wäre aber vor allem ein Film gewesen, der sich ganz dem hingibt, was »30th Century Man« zu beschreiben sucht: den Songs von »Scott 1« über »Climate Of Hunter« bis zu »The Drift«.

    Diese Pop-Oper-Bastarde, die das Unbehagen an der nicht nur politischen Historie zum Hallen bringen (warum suchte Walkers Schreibe ihre historischen Referenzen beim neostalinistischen Regime ebenso wie bei Pasolini, Milosevic, den Mussolinis und Elvis totem Zwillingsbruder? Die Frage bleibt auch hier ungeklärt), sie funktionieren im dunklen Kinosaal, verbunden zum Beispiel mit den Animationen aus Rost- und Moosfarben des »Drift«-Designers Vaughan Oliver so gut wie nirgendwo außerhalb des eigenen Kopfes. Aber: ausgespielt werden die Songs nicht. Gerade will sich Magie einstellen, da vergreifen sich die Zeitzeugen wieder am Wort. Einmal immerhin wird bewusst der Schleier vom mystifizierten Objekt gezogen. Die lichtschwache Videokamera filmt Walker hinterm Mikro. Ein gewöhnliches Bild, das keine größere Kraft hat als die, einen Mann bei der konzentrierten Ausübung seiner Arbeit zu zeigen. Das Bild friert ein, die Farben werden entfernt, weichen einem unscharfen grobkörneigen Schwarzweiß, und auf der Leinwand bleibt jenes Nebulöse, albtraumhafte Bild, dass im »The Drift«-Booklet zu besichtigen ist und als symptomatisches PR-Foto in der Rezeptionsphase des Albums durch die Feuilletons irrlichterte.

    Der Wechsel vom Leben zur Inszenierung, vom Mann zur Ikone in einer Blende auf den Punkt gebracht. Welche Rolle dieses Image des enigmatischen, unnahbaren, aus der Unterwelt entflohenen Genies spielt und wie bewusst es inszeniert ist, auch das scheint für Kijak nicht von Interesse gewesen zu sein. Er stagniert unentschlossen zwischen Tempelwächter und Talkmaster. Orpheus Walker geht nebenher und weiter und macht nichts als das, was er für nötig hält. Was Kijak und Scott trennt, ist der Unterschied zwischen Medienmensch und Medium.

»Scott Walker: 30th Century Man« , UK/USA 2006, 95 Min. , R: Stephen Kijak, D: Scott Walker, David Bowie, Brian Eno, Jarvis Cocker, Ute Lemper, Angela Morley u.a. // Kinostart UK: 27.4.07 // www.scottwalkerfilm.com

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