Schorsch Kamerun – „Das Schmuddelige wird lackiert und verhökert“

Foto: Sandra Then-Friedrich

Schorsch Kamerun von den Goldenen Zitronen hat im Frühjahr 2016 seinen Debütroman veröffentlicht, der unter anderem die traurige Erkenntnis behandelte, dass auch Subkultur schon zur verhandelbaren Marke geworden ist. Das gilt in gewisser Hinsicht auch für den im Hamburger Hafenviertel gelegenen Golden Pudel. Kamerun ist Teil des Betreiberkollektivs des Clubs, der im Februar fast völlig abbrannte. Eine Auktion konnte abgewendet werden, mittlerweile hat eine gemeinnützige Stiftung den Verbleib des Clubs gesichert. SPEX traf Kamerun zum Jahresrückblick 2016 in einem Hamburger Café ohne „St. Pauli“-Code. Man sprach über Gentrifizierung, den Wandel von Protestkultur, popkulturelle Jubiläen und Tage, an denen das Anders-Sein starb. Hier gibt es die Extended-Version des Interviews aus SPEX No. 372.

Schorsch Kamerun, dieses Jahr war das zehnjährige Jubiläum von Lenin, dem Album der Goldenen Zitronen, das eine Art Stilbruch initiierte.
Ich bin kein Fan von Jubiläen.

Man kann aber in dem Fall sagen, dass auf Lenin Themen aufgegriffen wurden, die in der Öffentlichkeit erst später präsenter wurden.
Wir begannen in dieser Zeit mehr Diversität auszuprobieren. Schon davor suchten wir nach Formen, länger und komplexer zu texten. Vieles wurde erst im Nachhinein deutlich, aber schon damals war klar, dass man über das Thema der Geflüchteten reflektieren muss. So geht es in „Europäische Außenstellen“ um die Frage der Zugehörigkeit. Hier wird erzählt, wie Menschen am Flughafen in Frankfurt am Main ihren Pass verbrennen.

Ein Stück wie „Der Bürgermeister“ widmete sich bereits subtil dem Thema Gentrifizierung und wirkt nicht nur mit Blick auf Hamburg sehr aktuell.
So etwas wie die Elbphilharmonie soll primär Touristenbusse anziehen. Hamburg dealt mit seiner Rauheit, dem Hafen und dem Kiez. Längst trifft man den Bürgermeister wirklich auf dem Indie-Konzert. Dinge, die Authentizität implizieren, sind heute Instrumente des Stadtmarketings. Das Schmuddelige wird lackiert und verhökert. Aus der antibürgerlichen Gegend ist ein Sahnefilet am Hafenrand geworden.

Dort liegt auch der Golden Pudel Club. Hat somit auch er zur Gentrifizierung des Viertels beigetragen?
Sicherlich gentrifiziert auch ein seltener Sehnsuchtsort wie der Pudel in gewisser Hinsicht mit. Seine „Exotik“ macht seine Umgebung begehbarer und weckt Begehrlichkeiten. Wir stehen im banalsten Sinne für die heute werbewirksame Mülltonne. Doch es gibt einen Unterschied zu Läden, die unbedingt den „St. Pauli“-Code im Namen tragen wollen. Der Pudel spottet über sein Alleinstellungsmerkmal und verweigert sich der üblichen Wertschöpfung. Unser Totenkopf stand nie zum Verkauf. Alle Mitmachenden, das Umfeld und sogar die Gäste haben es geschafft, den Club stets zu erfrischen und gleichzeitig an tanz- oder eben nicht tanzbarer Musik festzuhalten.

Nach dem Brand des Clubs zeigten sich viele Künstler solidarisch. Es gab auch unterstützende Stimmen aus der Politik. Ein Widerspruch?
Die Stadt zeigt sich solidarisch, weil sie ambivalente Interessen verfolgt: wirkliches Helfen und nützliches Dabeisein. Es ereignete sich etwas, was Mark Terkessidis aktuell mit „Kollaboration“ umschreibt. Auch bei anderen Dingen wie dem Streit um die Essohäuser geht es aber nicht um einen Aufstieg ins Rathaus. Es wird versucht, außerparlamentarisch zu lösen und gleichzeitig in unverhandelbaren Partizipationsfragen sämtliche Wünsche durchzusetzen.

„Der Pudel spottet über sein Alleinstellungsmerkmal und verweigert sich der üblichen Wertschöpfung. Unser Totenkopf stand nie zum Verkauf.“

In dieser außerparlamentarischen Funktion haben Sie vor Kurzem mit Winfried Kretschmann von den Grünen diskutiert.
Ich halte Herrn Kretschmann für einen glaubwürdigen Humanisten und momentan zählt er hierzulande auch deshalb zu den beliebtesten Politikern. Was ich aber grundfalsch finde, ist sein Festhalten am unbedingten Wachstum, welches auf einem fatalen Kompromissdruck fußt. In dieser Hinsicht ist er gängiger Realpolitiker und somit kein brauchbarer Gestalter. Das ist aber ein generelles Problem. Wegen fehlendem Veränderungsmut schwindet jede Lust, „die Politiker“ zu wählen, auch weil keiner dieser Legislaturabhängigen bereit ist, Sachen anzupacken, die teils nötige Verkleinerungen mit sich bringen würden. Solch faule Versprechenspolitik wird endlos fortgesetzt und korrespondiert mit dem Phantomschmerz der Bürger nach lohnender Ausdehnung bei gleichzeitigem Verlangen nach Absicherung der eigenen Scholle. Es ist eine nervige Erkenntnis, dass das aktuell auch ein Grund für die Entstehung der ganzen Pegidas ist.

Ich höre da Folgendes: Das System ist komplexer geworden ist, aber Sie halten dennoch an einer linken Perspektive fest.
Was ich meine, ist ganz simpel: Wir verbrauchen mehr Ressourcen als wir haben. Das wird aber so ungern gesagt. Der Kapitalismus weiß die Komplexität für seine Vermehrung clever auszunutzen. Dabei schafft er statt „richtiger“ Arbeit nur noch Dienstleistungs- und Selbstüberwachungsbeschäftigung. Leider funktioniert das nahezu selbstlaufend. Was Marx nicht wissen konnte ist, dass die Maschine nicht nur alles übernehmen würde, sondern auch noch kostenlos auftritt.

Was die Chancen von Protestkultur angeht, wirken Sie auch in Ihrem Roman Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens eher pessimistisch.
Eigentlich nicht. Ich beschreibe nur, dass man Pop als Gegenkultur heute schlechter scharfstellen kann. Das drückte bereits der Mainstream der Minderheiten (Band, der 1996 von den SPEX-Autoren Terkessidis und Holert herausgegeben wurde) aus. Man muss sich gut überlegen, auf welchem Spielfeld man was erreichen will. Diese Frage zieht sich durch meine Biografie und war auch stets Thema für die Goldenen Zitronen. Der überhöhte Fun-Punk, den wir anfangs gemacht haben, verkehrte sich schnell ins Gegenteil, weil die Ironisierung des Bürgertums zum Schlager-Move verkam. Die Situationisten sagen: Jeder Lärm bleibt immer Teil des gesamten Spektakels. So ist Trash heute durchgesetztes Programm von Massenunterhaltung. Das gilt auch für den hoch begabten Jan Böhmermann.

Dafür holte Böhmermann die Realität ein. Der türkische Präsident Erdoğan verklagte ihn.
Böhmermanns Stellungnahme nach seinem ersten Freispruch war bezeichnend. Einerseits hat er nochmals versucht, echte Kritik zu üben, andererseits beschreibt er sich selbst als schrägen Clown, der sich über die Aufmerksamkeit wundert. Er macht das zeitgemäß, ist Ernst und Gegenironie in einer Person, subversiv und geregeltes ZDF. Es ist ein Battle des Originellen innerhalb aller nur möglichen Überzeichnungen und das erlebt ein BWL-Azubi genauso täglich bei Facebook. Mich erinnert das an unseren kleinen Hit „Am Tag, als Thomas Anders starb“.

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