Schnauze voll von Gay-Hip-Hop-Gesprächen – Cakes Da Killa im Interview

Foto: Eric Johnson

Cakes Da Killa alias Rashard Bradshaw ist einer der talentiertesten Aufsteiger im Rap des vergangenen Jahres. Hedonistisches Clubkind einerseits, das mit der Geschwindigkeit eines Busta Rhymes und dem Wortwitz einer Missy Elliott Bar um Bar in die Menge feuert. Anderseits ein überlegt sprechender selbsternannter Loner, der seine Musik nicht mehr allein auf seine Sexualität reduziert sehen will. SPEX sprach mit dem New Yorker über seine Beziehung zum Hip-Hop, sein Debütalbum Hedonism, Frank Ocean und seinen immer noch nicht abbezahlten Studienkredit. Gute Laune hat er auf jeden Fall. Das Erste, was er vergnügt erzählt, als er den Hörer abnimmt: „Ich wurde eben fast am Flughafen festgenommen – wegen Trinkens in der Öffentlichkeit!“ 

Wie fanden Housemusik und der Club-Sound Eingang in deinen Sound?
Als ich älter wurde, habe ich angefangen, diese Art von Musik zu hören. Ich liebe es zu tanzen, ich liebe Dance Music, ich bin im New Yorker Untergrund aufgeblüht, und ich liebe den gemeinschaftlichen Aspekt, den du in Clubs und im Nachtleben findest. Ich bin schwarz, das heißt: Zu meiner Kultur gehört es, dass wir unser ganzes Leben lang vielen verschiedenen musikalischen Einflüssen ausgesetzt sind. Außerdem tanzen wir ständig. Deswegen möchte ich Musik machen, die Menschen zum Tanzen bewegt. Und deswegen können viele meiner Tracks direkt in den Clubkontext übertragen werden.

Also war Rap nicht deine erste Liebe.
Ich würde sagen, Musik im Allgemeinen war nicht meine erste Liebe. Es war eher das Theater. Als ich anfing, Musik zu machen, begriff ich das zunächst als Form des Eskapismus. Und als ich mich mehr und mehr dem Rappen widmete, orientierte ich mich an Lil’-Kim-Platten, Busta Rhymes oder Missy Elliott. Musik war immer da, aber sie war mir damals nicht so nah, wie sie es heute ist.

„Ich habe keine Ahnung mehr, was die meisten Rapper uns heute eigentlich vermitteln wollen.“

Du lässt deine Beziehung zum Rap häufig als etwas eher Zufälliges erscheinen, weniger als etwas, das aus einer inneren Notwendigkeit heraus geboren wurde. Nicht nur einmal hast du angekündigt, mit dem Rappen aufzuhören, sobald du deinen Studienkredit abbezahlt hast. Und trotzdem scheint dir der gegenwärtige Zustand von Hip-Hop ein persönliches Anliegen zu sein. In einem Interview hast du dich darüber beklagt, dass Hip-Hop seine Essenz verlieren würde, weil er zu sehr dem Kommerz verhaftet sei.
Hip-Hop entstand aus dem Schmerz vieler entrechteter Menschen. Menschen, die ihrer Lyrik und ihrer Stimme Ausdruck verleihen, die gehört werden wollten. Es war nicht zuletzt ein Weg, um kreativ zu sein. Und das ist heute, seitdem Hip-Hop zu einer milliardenschweren Industrie herangewachsen ist, nicht mehr der Fall. Heute will jeder Rapmusik machen. Sie entsteht aber nicht mehr aus der gleichen Gemütsverfassung wie damals.

Schreibst du denn deine Songs aus dieser Gemütsverfassung heraus?
Bei mir steht eine Sache im Vordergrund: Mach Musik, und sei nicht corny! Es gab einen Zeitpunkt, da gab es DMX, da gab es A Tribe Called Quest, da gab es Erykah Badu –  viele verschiedene Typen, die verschiedene Sounds gesucht haben, um sich mit diesen Sounds treu zu bleiben. Heute folgen sie alle wie Schafe der Herde. Das macht die Langlebigkeit von Künstlern kaputt. Ich finde außerdem, Künstler sollten sich heute mehr denn je in der Verantwortung sehen, etwas von Bedeutung zu sagen. Und ich meine damit nicht, dass alles conscious und deep sein muss. Aber sag etwas aus, Mann! Ich habe keine Ahnung mehr, was die meisten Rapper uns heute eigentlich vermitteln wollen.

Apropos sich selbst treu bleiben: Eines der Grundelemente von Hip-Hop war immer die realness. Allerdings gab es meist nur ein sehr limitiertes Spektrum, in dem diese realness stattfinden durfte.
Meine Sicht auf die Beziehung von realness und Rap ist ganz einfach: Es geht um dich und dein authentisches Selbst. Come as you are. Die meisten Rapper folgen aber nur dem, was sie als cool empfinden.

„Wegen dem ganzen gay shit fühle ich mehr Druck als andere, mich als guter Rapper zu beweisen.“

Kannst du dich an deine erste Performance erinnern, und vor allem, wie das Publikum auf dich reagiert hat?
Meine erste Show spielte ich auf einer Hausparty. Ich bin da einfach so reingesprungen. Es war ein gemischtes Publikum, also hatte ich weder einen schwulen noch einen straighten Moment. Ich glaube, die Leute waren vor allem schockiert davon, wie selbstbewusst und selbstverständlich ich mit den Dingen umging, über die ich sprach.

Warst du immer schon so selbstbewusst?
Vor zwei Jahren kam ich an einen Punkt, an dem ich etwas in mich zusammengefallen bin. But I’m back on my bullshit. Das direkte Nachbeben dieses Knicks war Hedonism. Es handelt von diesem Gefühl, wie ein Vogel in einem Käfig zu sitzen. Bis ich mir gesagt habe: „Bitch, du weißt wie man fliegt – also flieg’ verdammt noch mal!“

Und was stand klanglich im Vordergrund?
Hedonism ist die Retrospektive all meiner bisherigen Mixtapes und dabei gleichzeitig der Schaukasten meines Wachstums als Texter und Lyriker. Es gibt langsame Momente, wie auf #IMF, clubbige Stücke wie auf Eulogy und Hardcore-Rap-Songs, die stark in Hunger Pangs verwurzelt sind. Ich wollte aber auch Neues ausprobieren, damit neue Fans die Chance haben, meine Vielseitigkeit kennen zu lernen.

All die Einzelteile deiner Person an einem Ort.
Und genau so waren Hip-Hop-Alben früher! Nicht so eintönig und einseitig. Wenn du dir ein Missy-Elliott-Album anhörst – das ist eine Achterbahnfahrt, Mann! Am Ende des Tages ist das alles ein großer hustle. Du tust, was du tun musst, um dein Geld zu verdienen. Und schließlich kannst du nicht allein dem Künstler die Schuld geben. Da sind ja auch noch die Konsumenten. Die, die den Scheiß kaufen. Wer fällt auf das game rein? Ich sicher nicht.

„Für mich ist visibility sehr wichtig. Hat es mir über die Jahre Schwierigkeiten bereitet? Ja. Kümmert mich das? Nein.“

Deine Vielseitigkeit zeigt sich nicht nur in deinen Produktionen, sondern auch in deinem Rapstil. Du hast wahrscheinlich nicht mit konventionellen Beats angefangen zu rappen, oder?
Stimmt, die ersten Beats sind sehr atypisch, viele beginnen mit populären You-Tube-Instrumentals. Ich habe mich immer mehr von Club-Beats angezogen gefühlt. Deswegen werde ich auch zunehmend unabhängiger und freier, was meine Beat-Auswahl betrifft. Für mein kommendes Projekt möchte ich mich mit einer anderen Seite meines Gehirns beschäftigen. Alte Funkmusik, wie zum Beispiel die Bette-Davis-Platten, die ich rauf und runter höre, und alternative Soundarten, die nicht einem Genre verhaftet sind – denn ich habe die Schnauze so voll von den Gay-Hip-Hop-Gesprächen.
Aber ich denke auch, dass ich mich trotzdem weiterhin vielen relativ klassischen Rap-Instrumentals verbunden fühle. Wegen dem ganzen gay shit fühle ich mehr Druck als andere, mich als guter Rapper zu beweisen. Ich achte umso mehr darauf, dass mich niemals jemand textlich anzweifeln kann.

Erlaubst du mir trotzdem eine Frage in Richtung Gay-Hip-Hop?
Okay! (lacht)

Auf „Da Good Book“, einem älteren Track, spielst du auf Frank Oceans „Thinkin’ Bout You“ an, und setzt da das Wort „dick“ ein, wo Ocean uns alle raten lässt – so wie generell mit seinem Output …
Ein solches Privileg besitze ich nicht.

… würdest du dir heute wünschen, du selbst hättest mehr den Frank-Ocean-Weg eingeschlagen? Oder wünschst du dir andererseits, Künstler wie Ocean würden sich lauter aussprechen, um mehr Lanzen der Toleranz im Mainstream-Hip-Hop zu brechen?
Heutzutage offen mit deiner Sexualität umzugehen, ist eine sehr persönliche Angelegenheit. Es ist verdammt schwierig. Ich würde meine Situation niemandem empfehlen. Ich könnte kein Enigma sein oder meine Sexualität nur in Andeutungen verhandeln, weil ich sichtbar und offensichtlich schwul bin. Wenn du darüber sprichst, wie ich bin und wie ich mich gebe – es ist, wie es ist. Wenn ich versuchen würde, das zu verschleiern, würden mich Leute deswegen zur Rede stellen. Hat es mir über die Jahre Schwierigkeiten bereitet? Ja. Kümmert mich das? Nein. Für mich ist visibility sehr wichtig. Das ist einfach meine Geschichte.

„Die Musik erlebt gerade ihren Renaissance-Moment. Endlich können wir uns weiterentwickeln von dem Atlanta-Sound, diesem schwarzen Loch, in dem wir so lange festhingen.“

Du hast Journalismus studiert. Welche Autoren haben dich lyrisch und stilistisch beeinflusst?
In erster Linie E. Lynn Harris und Richard Bruce Nugent. Mir gefallen starke schwule Narrative. Schwule Autoren zu lesen, schwule Filme zu schauen, schwule Musik zu hören, war nicht nur wichtig für mich, es ist extrem nährhaft für Kultur im Allgemeinen.

Hast du deinen Studienkredit schon abbezahlt?
Nein, noch lange nicht. Jeden 27. des Monats buchen die 170 Dollar von meinem Konto ab.

Wirst du deine Drohung wahrmachen und aufhören zu rappen, wenn er irgendwann abbezahlt ist?
Ich weiß nicht. Es fühlt sich schon ein bisschen wie eine Sträflingskugel an. Mal schauen. Noch gefällt’s mir.

Wo würdest du Rap gern in zehn Jahren sehen?
Mir gefällt sehr, wie sich Rap und Musik generell sich gerade entwickeln, besonders für eine person of colour. Ich denke, mit den neuen Alben von Solange und A Tribe Called Quest erlebt die Musik gerade ihren Renaissance-Moment. Endlich können wir uns weiter entwickeln von dem Atlanta-Sound, diesem schwarzen Loch, in dem wir so lange festhingen. Es bewegt sich in eine gute Richtung, und mir gefällt auch, dass der Fokus wieder mehr auf Storytelling und Instrumentalisierung gelegt wird. Was mich persönlich betrifft, werde ich in zehn Jahren hoffentlich irgendwo als A&R angestellt sein – und eine Menge Geld verdienen. (lacht)

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