#OscarsSoWhite, #OscarsSoMale? Oscars so what! Der Filmpreis ist nur der letzte Auswuchs eines Systems, das Ungerechtigkeiten gegeneinander ausspielt. Preise sind aber nicht reformierbar. Sie müssen abgeschafft werden – und nicht nur sie.

Die Oscars stehen an und schon im Vorfeld wird erneut darüber diskutiert, wie sehr die Nominierungen von Männern dominiert werden. Ebenso darüber, wie wenige People of Color in der umfangreichen Liste vertreten sind. Stimmt ja auch. #OscarsSoWhite wurde bereits vor Jahren zurecht zum maßgeblichen Hashtag und die Schlagdichte von traditionell an Männer vermarkteten Themen (Autos! Mafia-Männerbünde! Krieg! Psychopathische Anti-Helden!) überschattete in diesem Jahr wieder vollkommen die Tatsache, dass hin und wieder Frauen auch hinter und nicht nur vor der Kamera agieren. Die Oscars haben also immer noch mindestens zwei Probleme mit sozialer Benachteiligung.

Ja, okay. Nur: Wer erwartet eigentlich ernsthaft etwas anderes?

#OscarsSoWhite, #OscarsSoMale? Oscars so what! (Bild: SPEX)

Es ist allemal beeindruckend, wie viel Energie in die Proteste gegen eine ziemlich kleine Veranstaltung gesteckt wird. Denn darum handelt es sich. „Die Oscars sind kein internationales Filmfestival“, sagte der in diesem Jahr ebenfalls nominierte Parasite-Regisseur Bong Joon-ho kürzlich dem Magazin Vulture. „Sie sind sehr ortsgebunden.“ Recht hat der Mann, denn bei den Oscars werden vor allem US-amerikanische Filme prämiert. Und so kulturell vielfältig ist die Kulturproduktion der Vereinigten Staaten eben auch wieder nicht. Zumindest, wenn die ganze Welt den Maßstab vorgibt.

Was die Oscars aber abbilden und was sie in den Augen dieser ungleich größeren Welt so relevant macht, ist das konzentrierte kulturelle Kapital der Hollywood-Industrie einerseits und die angeblich meritokratische und eigentlich nahezu sozialdarwinistische Ideologie, die von ihnen mitgetragen wird. Lax gesagt handelt es sich um das Highlander-Prinzip: Es kann nur einen geben! Oder eine, aber nur manchmal. Preise gehören seit der Antike fest zur Kultur der westlichen Gesellschaft. Doch obwohl der olympische Gedanke heutzutage gerne als „Dabeisein ist alles!“ übersetzt wird, lautete er ursprünglich anders: Nur eine Person gewinnt und es ist scheißegal, wer den zweiten oder dritten Platz einnimmt – sie alle haben verloren und müssen in Sack und Asche nach Hause gehen. So funktionieren Preise eben immer noch, selbst wenn sie sich sichtbar um scheinheilige Diversität bemühen. 

Höher, schneller, Napalm Death? 

Nicht nur die Oscars, sondern auch andere Preise gerieten in letzter Zeit immer mehr in die Kritik. Erst kürzlich wurden die Grammys scharf kritisiert. Etwa von Tyler, The Creator, weil sie seiner Ansicht nach die real existierende Segregation der US-amerikanischen Gesellschaft in ihren Kategorien weitertragen. „Urban“, dieser merkwürdige Begriff einer Grammy-Kategorie, den Tyler als „politisch korrekte Art, das N-Wort zu sagen“ bezeichnete, hat in der Musikgeschichte nämlich einige Vorläufer, die noch vor die Einrichtung des Preises im Jahr 1959 zurückreichen.

Erst wurde aus den sogenannten race records das Genre Rhythm’n’Blues (Rock’n’Roll, nur eben von Schwarzen) geformt, später folgten Bezeichnungen wie R’n’B (die Kurzform von Rhythm’n’Blues, obwohl die Musik herzlich wenig mit dem zu tun hat, was so bezeichnet wurde – die ethnische Zugehörigkeit ihrer Macher_innen ausgenommen) und zuletzt eben „Urban“, ein fauler Code für, na, „Schwarz und aus der Stadt, sprich Hip-Hop und so weiter“. Ebenso wie die Oscars an einer rigiden binären Geschlechtertrennung festhalten, tun es die Grammys also in Hinsicht auf race. Mit anderen Worten: Sie nähren sich weiterhin aus einem historisch gewachsenen Ungleichverhältnis, das vor der Motorhaube eines Polizeiwagens genauso existiert wie in so ziemlich jedem Assessment-Center des Landes.

Wenn die Oscars mindestens zwei soziale Missstände reproduzieren, dann sind es solche, die tief in den Strukturen verwurzelt sind, die trotz einiger kosmetischer Zusagen im Preisregen („Bester Internationaler Film“) letztlich das Fundament der Verleihung bilden, weil sie noch vor der Vorauswahl aussieben. Aus einer von Rassismus und Sexismus geprägten und daher inhärent ungleichen Gesellschaft wie der US-amerikanischen kann unter dem Banner eines Wettbewerbs so niemals Gleichheit vor der Jury erreicht werden. 

Zudem vermitteln Preise immer den Eindruck, Kultur ließe sich ähnlich miteinander messen wie einigermaßen quantifizierbare sportliche Leistungen. Auch das ist komplett bescheuert. Oder ist Napalm Deaths „You Suffer“ etwa der geilste Song aller Zeiten, weil er mit einer Sekunde Laufzeit schneller als andere über die Ziellinie spurtet? Das gilt übrigens auch für SPEX: Als wir am Ende des letzten Jahrzehnts die 200 (angeblichen) besten Alben der Dekade vorstellten und sie überdies noch in eine Reihenfolge brachten, ging dem eine hitzige Diskussion voraus. „Was soll der Scheiß?“ versus „Müssen wir ja irgendwie machen.“ Wir haben es gemacht, und dabei blieb extrem viel Musik auf der Strecke, die nicht über dieselben Vertriebskanäle verfügten wie die 200 Gewinner_innen.

Im Preissystem spiegelt sich also eine seit Tausenden von Jahren sedimentierte gesamtgesellschaftliche Annahme wider, die mit dem Siegeszug neoliberaler Ideologie in den letzten Jahrzehnten zur weltumspannenden Doktrin geworden ist. Denn aus dem, was sich einst noch Wetteifer nannte, ist ein Wettbewerb geworden. Heißt: Es wird vor allem auf ökonomischer Ebene miteinander konkurriert. Der springende Punkt ist allerdings, dass eben nicht alle dieselben ökonomischen Startchancen haben, sondern aus historisch gewachsener Benachteiligung heraus antreten.

Alle Nullen ab- und dann noch eine dranhängen

Das allein ist mehr als kritikwürdig. Nur scheint es zunehmend müßiger, diese Kritik an die einzelnen Preise und nicht stattdessen an das Preissystem und die dahinterliegenden Strukturen zu richten. Denn jede Vorauswahl allein spiegelt – ob nun in Hinsicht auf soziale und ökonomische Stellung, reine Geografie, race, Geschlecht oder andere Aspekte – nur die Ungerechtigkeit einer durchglobalisierten und so gar nicht meritokratisch geformten Welt wider. Da helfen keine Brandreden gegen die soziale Ungerechtigkeit der Preiskategorien in der Hoffnung, dass durch kleine Zugeständnisse die Welt im Gesamten irgendwie besser wird.

Nicht etwa gehören die Oscars oder die Grammys bis in jede einzelnen Kategorie, ihre Wahlprozesse oder Ähnliches hinein reformiert. Nein, sie gehören stattdessen schlicht abgeschafft. Und alle anderen Preise gleich mit ihnen.

Denn warum halten wir – bei SPEX und anderswo – an Rankings und Preisen fest? So sehr, dass wir jede Menge Zeit und Energie in die Idee investieren, dass wir sie bloß reformieren müssten und alles würde endlich gut? Es gibt mit Blick auf Rezeption und Produktion zwei Antworten auf diese Frage. Für das Publikum sind Preise einerseits nützlich, weil sie eine Gatekeeping-Funktion haben. Dieser Film wird sich lohnen, jenen kann ich getrost übergehen. Und wenn ich einen Film gesehen und gemocht habe, dann fiebere ich bei der Verleihung mit – und fühle mich und mein Geschmacksurteil bestätigt, wenn er gewinnt. Preise bieten in diesem Kontext aufmerksamkeitsökonomischen und affektiven Gewinn. 

Anders bei Filmemacher_innen, Schauspieler_innen und anderen Beteiligten auf Seiten der Produktion. Jeder Preis hat eine handfeste ökonomische Dimension. Dein Film, dein Buch, dein Album gewinnt? Die Leute gehen ins Kino, bestellen sich deinen Roman, shortlisten deine Musik bei Spotify. Du bist die beste Schauspielerin des Jahres? Du kannst bei der nächsten Gehaltsverhandlung noch eine Null dranhängen. Ein Preis lohnt sich schlicht  – und nicht etwa nur in rein emotionaler Hinsicht, als Geste der Anerkennung. Der Rest? Geht weitgehend leer aus.

Das Preissystem ist ein inhärent ökonomisches und nichts macht das deutlicher als ein Blick auf den Buchmarkt im deutschsprachigen Raum. Hier können Preise die mangelnden Einnahmen aus dem für Autor_innen fast immer defizitären Verkaufsgeschäft kompensieren. Dementsprechend groß ist auch die Abhängigkeit der Literaturszene insbesondere im – angeblichen – Indie-Bereich von diesem System, das nicht wenigen Schriftsteller_innen und vor allem Lyriker_innen oder Dramatiker_innen neben den diversen öffentlichen Fördertöpfen als maßgebliche Einnahmequelle gilt. Es handelt sich freilich um Geldbeträge, die im Vergleich zu den potenziellen Einnahmen durch Erfolge bei den Oscars oder den Grammys wie kümmerliche Peanuts wirken. Das System aber ist dasselbe, und es ist auf demselben Fundament gebaut.

Lasst uns durch, wir sind keine Arztsöhne!

Was also tun? Würde es schon genügen, die Oscars ein für alle Mal abzusagen? Auch das nicht. Stellen wir uns stattdessen einmal vor, dass statt der vermeintlichen Meritokratie etwas anderes eingeführt würde. Eines, das etwa in Hinsicht auf den deutschsprachigen Buchmarkt das Geld aus den zahlreichen Preisverleihungen und Einzelförderungen in ein flächendeckendes Fördersystem umverteilen würde. Das Mitglieder der Arbeiter_innenklasse, People of Color und Frauen genauso viele Startmöglichkeiten eröffnen würde wie dem mittlerweile sprichwörtlich gewordenen Arztsohn, der nach seinem Einserabi in Hildesheim oder Leipzig Kreatives Schreiben studiert und dann Romane darüber schreibt, wie das eben so ist, nach ein paar Jahren wieder in der alten Heimat vorbeizuschauen.

Was es also braucht ist ein System, das strukturell bestehende Ungleichheiten eliminiert, anstatt sie für eine potthässliche Trophäe und potenzielle ökonomische Gewinne gegeneinander auszuspielen und dann eben doch fast ausschließlich nur diejenigen belohnt, die bereits im Vornherein als ökonomische Nutznießer_innen gestartet waren. In einem solchen System bräuchte es keine Preise, weil sie seinem Sinn diametral gegenüber ständen. Das angeblich meritokratische System, das sich auch plump Kapitalismus nennen ließe, es gehört abgeschafft – am besten schnell. Die Losung heißt nicht #OscarsSoWhite, #OscarsSoMale. Sie lautet #OscarsSoWhat!

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