SBTRKT Wonder Where We Land

Muss Dubstep tatsächlich mit Aggression verhaftet sein? Der Londoner SBTRKT verneint das auf seinem zweiten Album, Wonder Where We Land, erneut – mit einem untypischen Ohrwurm und zahlreichen Gästen.

Die Erfolgsgeschichte von Dubstep im vergangenen Jahrzehnt lässt sich grob entlang zweier Ereignisse zu Beginn und Ende der Dekade erzählen: War da zunächst die Erschütterung durch den Anschlag auf das World Trade Center mit seinen tausenden Toten, folgte 2008 die Wirtschaftskrise, bei der die ebenfalls in New York gelegene Investmentbank Lehman Brothers zusammenbrach. Die Verunsicherung war hier ähnlich stark wie 2001. Dubstep wirkte wie ein Echo aus dem Club auf diese heftigen Einschnitte und bediente dabei ein Vokabular der Angst und Gefahr, in dem die computergenerierten Hallräume und verzerrten Digitalbässe zugleich Bedrohung von außen und innere Abwehr auf der Tanzfläche durch ein und dieselben Frequenzen signalisierten.

Mancher Freund der Bassmusik mag es da als Verrat empfunden haben, dass Produzenten wie der Londoner Aaron Jerome alias SBTRKT wenige Jahre später plötzlich so taten, als stünde auf der Welt wieder alles zum Besten und man könne wieder zur Tagesordnung in Gestalt von Popsongs übergehen, deren Herkunft aus dem Dubstep zwar noch zu erkennen war, die sich ansonsten aber freundlich-optimistisch gaben. Soul schien auf einmal wichtiger als unterschwellige Aggression und Terror. »Zu nett« lautete 2011 denn auch das Fazit einiger Kritiker zu SBTRKTs Debütalbum, selbst wenn die negativen Urteile in der Minderheit blieben.

Drei Jahre später hat sich an SBTRKTs grundsätzlicher Ausrichtung nichts geändert. Wonder Where We Land setzt den Integrationskurs von Bassmusikästhetik und Publikumsumschmeichelung fort, und man kann Jerome dazu nur beglückwünschen. Auf dem Großteil der Stücke wird er wieder von Gästen am Mikrofon begleitet, alte Bekannte wie Sampha mit seinem auf angenehme Soul-Temperatur angewärmten James-Blake-Timbre oder Jessie Ware sind erneut dabei. Hinzugekommen sind einige neue Namen, etwa der junge MC Raury, der in »Higher« leicht atemlosen Rap beisteuert, oder Ramona Lisa alias Caroline Polachek vom Elektropop-Trio Chairlift. Polachek hat eine melancholisch gefärbte, zugleich klare Stimme und macht im Grunde eine unauffällig-gute Figur, wäre da nicht die manierierte Autotune-Melismatik, mit der ihre Gesangseinlagen ausgeschmückt werden. Wesentlich stärker präsentiert sich die Soul-Newcomerin Denai Moore – ohne vernehmlich hinzugefügte technische Hilfsmittel.

Für »New Dorp New York« konnte SBTRKT sogar die Unterstützung von Vampire-Weekend-Sänger Ezra Koenig gewinnen. Dank der durchgehenden Spannung zwischen dem geradlinig pumpenden Funkbass und den hüpfenden Synkopen in Koenigs Part windet sich die Nummer ohne große Umwege in die Gehörgänge, um sich dort für unbefristete Zeit einzunisten. Auch wenn es der für SBTRKT untypischste Beitrag der Platte ist, geht die Ohrwurmstrategie allemal auf.

Dubstep mag an Stellen wie dieser keine offensichtliche Referenz mehr sein, in den Grundbausteinen der meisten Songs ist er aber durchaus zu ahnen, als eine Art DNA einschließlich all der Erbinformation, die das seit einiger Zeit stark rückläufige Genre in sich trägt. Von Angst erzählt allein das abschließende »Voices In My Head« mit dem Rapper A$AP Ferg. Die absteigenden Harmonien, mit denen Fergs wehklagender Refrain unterlegt ist, klingen fast wie eine Hommage an Portisheads »Sour Times« und dessen zum Klassiker avanciertes Lalo-Schifrin-Sample. Zuversicht verströmte das ja auch nicht unbedingt.

SPEX präsentiert SBTRKT im November auf Tour.

 

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